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Die Gespenster von Berlin (eBook)

Unheimliche Geschichten

(Autor)

eBook Download: EPUB
2013 | 1. Auflage
246 Seiten
Suhrkamp (Verlag)
978-3-518-73472-8 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
9,99 inkl. MwSt
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Im Mietshaus in Prenzlauer Berg will niemand lange wohnen bleiben. Durchs Treppenhaus spukt eine alte Klavierlehrerin. Wer war diese Frau? Sarah Khan sucht in alten Adressbüchern und findet ihren Namen schließlich im Totenbuch der Elias-Gemeinde aus dem Jahr 1945. Plötzlich versteht man die verzweifelte Botschaft der alten Frau. In Kreuzberg steht ein großes Spukhaus - das Krankenhaus Bethanien, heute Künstlerhaus. Sarah Khan geht auf nächtliche Gespensterjagd und lüftet das Geheimnis des verwunschenen Bauwerks, in dem schon vor 160 Jahren der Geist von Theodor Fontane gesichtet wurde, der dort als Apotheker arbeitete. Sarah Khan berichtet in ihren Geschichten von Gläserrücken mit der Stasi, ängstlichen Grufties, weißen Katzen, einem furchtsamen Popstar in einem Ostberliner Hochhaus, und vielen anderen haarsträubenden Ereignissen, unerklärlichen Vorkommnissen, jenseitigen Erfahrungen. »Sarah Khan forscht Gespenstern nach und fördert deutsche Geschichte zutage. Meisterhaft recherchiert, großartig geschrieben, zutiefst unheimlich.« Daniel Kehlmann

<p>Sarah Khan, Autorin und Journalistin, geboren 1971 in Hamburg, lebt in Berlin. Sie studierte Volkskunde und Germanistik. Sie hat drei Romane publiziert. Zuletzt erschien <em>Die Gespenster von Berlin. Wahre Geschichten</em> (st 4474). 2012 erhielt sie den Michael-Althen-Preis.</p>

Gläserrücken mit der Stasi


Sie ist die Frau aus der Nachbarschaft, man trifft sie im Supermarkt, in der Schlange der Postfiliale. Sie ist wie Montag, wenn sie das Kind bringt, wie Dienstag, wenn sie in der Schwimmhalle ihre Bahnen zieht, wie Mittwoch, wenn sie das Kind holt, wie Donnerstag, wenn sie einkauft, und wie Freitag, wenn sie mit einem Kuchenpaket vom Konditor kommt. Wie von Schnüren gezogen kreuzen Stadtteil-Nachbarinnen ihre Stadtteil-Nachbarinnen, bis in alle Ewigkeit hätte es so bleiben können, bis es anders kommt und die Malerin Uta Päffgen bei der Vernissage von Cindy Sherman in der Galerie Sprüth Magers Berlin sagt: Gespenster suchst du? Dann frag Anne, die Frau kann Gespenster rufen, die hat einen unglaublichen Draht mit ihrer Methode. Und so verabredet man sich mit einer unbekannten Anne, sie öffnet und man steht vor niemand anderem als besagter Stadtteil-Nachbarin. Diese langen dunkelroten Haare, der brutal amüsierte Blick, das große Herz auf weiter Brust und der Duft der Kaffeetafel hinter ihrem Rücken aufsteigend. Diese Geschichte ist ein Geschenk der Schriftstellerin Anne Hahn, der Rotweinhexe von Mitte, der Burgfrau von Goseck, dem Magdeburger Medium. Danke.

Eine übersinnlich veranlagte Frau bemerkt ihre Fähigkeiten schon früh in der Jugend und spielt damit herum. Eines Tages ist es dann so weit, sie bekommt eine höllische Angst und beschließt, den Unfug für immer sein zu lassen. Und doch ruft sie die Geister immer wieder, denn sie kann es nicht lassen. Anne wurde 1966 in Magdeburg geboren. Als Anne zweiundzwanzig Jahre alt war und von allem tödlich gelangweilt, beschloss sie aus dem Land zu fliehen. Sie wusste ja nicht, dass die Tage der DDR gezählt waren, denn sie hatte die Geister fast nie nach ihrer eigenen Zukunft befragt. Das war zu heikel. Sie war auch nicht die Einzige in ihrem Freundeskreis, die sich mit Fluchtgedanken beschäftigte. Andere hatten Ausreiseanträge laufen und Angst vor schlechten Nachrichten. Auch musste immer mit Spitzeln gerechnet werden. Stell dir vor, der Geist sagt beim Gläserrücken in großer Runde, die Anne H. wird nächste Woche einen erfolgreichen Fluchtversuch hinlegen. Deshalb ging das nicht, den Blick in die eigene Zukunft zu wagen. Anne und ihre Freunde aber waren von den ausgefeilten, wundersamen Geschichten der Geister fasziniert. Einmal war ein Geist da, der Bertolt Brecht gekannt hatte, und ein andermal ein Kind, das immer auf dem rechten Knie vom lieben Gott saß. Das war unterhaltsam und lustig. Während die Realität und die nahe Zukunft für die jungen DDR-Bürger beides nicht war, weder unterhaltsam noch lustig. So also kam es, dass Anne die Geister nicht nach ihrem eigenen Schicksal befragte, sonst hätte sie sich die Flucht, die Festnahme und den DDR-Knast vielleicht erspart.

Anne hatte damals in Magdeburg keinen Job, aber sie hatte Freunde. Die Freunde hatten Rotwein und der Rotwein hatte eine Kerze und die Kerze hatte ein Glas. Sie bildeten eine Runde, drehten das Glas um und stellten es in ihre Mitte auf einen Tisch. Dann legten sie ganz viele Zettel um das Glas: die Worte »ja« und »nein« und alle Buchstaben des Alphabets und die Zahlen eins bis hundert, jeweils in Zehnerschritten angeordnet. Jeder legte sachte einen Finger auf das Glas, dann begannen sie. Und wie toll es kribbelte, zuckelte und ruckelte, sobald Anne die Geister rief. Dann tanzte das Glas.

Einmal hatten sie sofort jemanden drin, der sagte: SOS, SOS, SOS.

»Wer braucht SOS?«

Sie bekommen eine Zahl, noch eine Zahl, immer wieder die gleichen Zahlen. Jemand holt einen Atlas, überprüft die Zahlen an den Längen- und Breitengraden. Es war ein Punkt im Südatlantik. Die Rotwein trinkende Gläserrücker-Clique aus der Endphase der DDR in Magdeburg hörte am nächsten Tag in den Nachrichten, dass vor der Küste der Falklandinseln ein Schiff sank und die ganze Besatzung ertrank.

Einmal riefen sie einen Geist und nichts geschah. Dann klopfte es an der Tür. Einer stand auf und öffnete, es war niemand zu sehen und doch trat jemand ein. Alle saßen kreisförmig im Schneidersitz auf hauchdünnen, alten, schiefen Dielen, und sie merkten, wie sich die Dielen unter dem Tritt des unsichtbaren, aber gewichtigen Gastes hoben und senkten, und sie hörten das Holz knarzen. Der Gast umrundete die Magdeburger mehrmals, jagte ihnen einen Höllenschrecken ein, dann ging er wieder. Alle wussten, dass es Anne war, die diese Kraft hatte, einen so dreisten Geist zu provozieren. Ohne Anne klappte es nie, und mit Anne war es immer wunderbar und schrecklich. Aber nach dieser Erfahrung schwor Anne, damit aufzuhören. Geisterbesuch in der eigenen Wohnung sei viel zu heftig, und man solle überhaupt keine Geister mehr rufen, denn man wisse ja nie, wer da komme und was er mitbringe. Sie habe endgültig verstanden, sie könne zwar anlocken, aber nicht kontrollieren. Also abgemachte Sache, nie wieder Geisterbeschwörung. Aber dann passierte die Geschichte mit der komischen Frau, die wie Anne auf dem Flohmarkt Klamotten verkaufte und sich an sie ranschmiss. So überfreundlich, so künstlich, so außerordentlich verdächtig lud sie Anne und ihre Clique zu sich nach Hause ein. Da konnte Anne nicht anders, wollte unbedingt ihre Muskeln zeigen, nahm ihre Freunde und eine Flasche Wein und schlug bei der Komischen auf. Die Komische wollte sich über den überraschenden Besuch freuen, da unterbrach man ihren Redefluss und sagte: Räum mal deinen Tisch ab, den brauchen wir jetzt. Das Glas kam umgedreht in die Mitte, das Alphabet und die Zahlen drum herum, sie hatten alles mitgebracht. Jeder legte sachte einen Finger auf das Glas. Die Komische wollte nicht mitmachen, sie bekam furchtbar Gruselschiss, aber man sagte ihr, sie solle nicht so langweilig sein. Anne rief die Geister. Und schon hatte sie einen Geist im Glas. Zunächst fragten sie ihn der Reihe nach belangloses Zeug.

»Großer Geist, willst du mit uns reden?«

»Ja.«

»Bist du ein guter Geist?«

»Ja.«

»Ist es schön da, wo du bist?«

»Kalt.«

»Wie heißt du?«

»Ludwig Brenndecker.«

»Seit wann bist du tot?«

»1952.«

»Wie alt warst du, als du starbst?«

»57.«

»Was warst du von Beruf?«

»Krüppel.«

Kaum fängt die Komische zu kichern an, kommt Anne auf ihr eigentliches Anliegen zu sprechen.

»Ist hier jemand im Raum, der für die Stasi arbeitet?«

»Ja.«

»Ist der Raum verwanzt?«

»Ja.«

»Kannst du mir zeigen, wo?«

»Ja.«

»Wenn ich in die Ecke gehe, wo die Wanze ist, sag ja.«

Anne steht auf und schreitet den Raum ab. Als sie in der Ecke mit der Vitrine steht, meldet sich der Geist wieder: »Ja!«

Auf der Vitrine steht ein Radio. Anne fasst nach dem Radio und schüttelt es.

»Hier drin?«

»Ja.«

Anne setzt sich wieder an den Tisch. Die Komische ist leichenblass. »Raus aus meiner Wohnung!«, schreit sie. »Aber sofort!«

Aber sie gehen nicht, machen weiter.

»Weißt du die Telefonnummer der Leute, die uns gerade belauschen?«

»Ja.«

»Kannst du mir die geben?«

Die Nummer, die der Geist ihnen gibt, ist fünfstellig und beginnt mit einer Drei. Die Dreier-Nummern waren die Stasi-Nummern in Magdeburg. Welch ein Triumph für Anne. Sie hatte Fähigkeiten, auf die die DDR nicht vorbereitet war. Welch ein Jubel. So glaubte sie, obwohl der Tod ein Gedanke blieb, die Flucht würde ihr gelingen. Ein anderes Leben wartete auf sie, eines ohne Gitter. Sie musste nur aufbrechen.

Vor der Flucht unternahm Anne zwei Reisen. Die eine führte sie nach Prag zum Grab von Franz Kafka, und die andere nach Schloss Goseck in Thüringen. Dort wollte sie ein letztes Mal mit Freunden zusammen sein. Sie wollten wandern, trinken, lachen. Seit Jahren schon nahm sie Abschied in einer qualvoll langsamen, bedrückenden Entwicklung, ohne sich mitteilen zu können. Der Abschied in Goseck sollte anders sein, Kraft spenden. Jetzt ist das Schloss Goseck saniert, eine denkmalgerechte Toilettenanlage wurde eingebaut, es gibt einen Tango-Frühling, archäologische Ausgrabungen und Konzerte. Aber damals in den 1980er Jahren der DDR war das Burgschloss halb verrottet und der nagenden Zeit überlassen. Der größte Teil des Schlosses war verschlossen und verstaubt und lag da wie im Dornröschenschlaf. Eine kleine Jugendherberge gab es in einem Seitenflügel, dort wohnte Anne mit ihren Freunden. Die Ausstattung dieser Herberge ist Anne als trostlos in Erinnerung. Teppichbelag, Leichtmöbel und abwischbare Plaste-Oberflächen, ohne jedes Schlossgefühl. Einmal machte die Gruppe heimlich eine Runde durch den abgesperrten Teil. Die meisten Zimmer waren verschlossen, aber mit einem Dietrich und etwas Gefummel bekamen sie die Türen auf. Anne machte sich ein Spiel daraus. Bevor sie eine Tür öffnete, beschrieb sie das Zimmer dahinter. Vor der verschlossenen Tür stehend zählte sie auf: Links der Kamin, das Eisen liegt auf dem Sims und der Knauf ist angeschlagen, das Fenster ist grün, in der Mitte steht eine Säule. Oder: Ein dunkler langer Raum, am Ende rechts ein winziges Fenster, ein großer Tisch in der Mitte, ein gusseiserner Kerzenleuchter hängt tief darüber. Und jedes Mal bestätigten sich Annes Beschreibungen. Als kenne sie diese toten Zimmer mit den zerschlissenen Vorhängen und schmutzigen Türbeschlägen, mit den fauligen Möbeln und eingetrübten Tapeten ganz genau. Einmal fanden sie auf ihren Streifzügen eine Flasche Rotwein ohne Etikett in einer Schutthalde. Die Flasche war mit dickem Staub belegt und ihr Glas und Korken war von so...

Erscheint lt. Verlag 21.10.2013
Verlagsort Berlin
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Belletristische Darstellung • Berlin • Michael-Althen-Preis für Kritik 2012 • Spuk • ST 4474 • ST4474 • suhrkamp taschenbuch 4474
ISBN-10 3-518-73472-5 / 3518734725
ISBN-13 978-3-518-73472-8 / 9783518734728
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