Das Geheimnis der Eulerschen Formel (eBook)
256 Seiten
Verlagsbuchhandlung Liebeskind
978-3-95438-009-1 (ISBN)
Yoko Ogawa gilt als eine der wichtigsten japanischen Autorinnen ihrer Generation. Für ihr umfangreiches Werk wurde sie mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Tanizaki-Jun'ichiro-Preis. Für ihren Roman 'Das Geheimnis der Eulerschen Formel', der in sechzehn Sprachen übersetzt wurde, erhielt sie den begehrten Yomiuri-Preis. Bei Liebeskind erschienen u.a. die Romane 'Hotel Iris', 'Das Museum der Stille' und 'Das Ende des Bengalischen Tigers'. Yoko Ogawa lebt mit ihrer Familie in der Präfektur Hyogo.
Yoko Ogawa gilt als eine der wichtigsten japanischen Autorinnen ihrer Generation. Für ihr umfangreiches Werk wurde sie mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Tanizaki-Jun'ichiro-Preis. Für ihren Roman "Das Geheimnis der Eulerschen Formel", der in sechzehn Sprachen übersetzt wurde, erhielt sie den begehrten Yomiuri-Preis. Bei Liebeskind erschienen u.a. die Romane "Hotel Iris", "Das Museum der Stille" und "Das Ende des Bengalischen Tigers". Yoko Ogawa lebt mit ihrer Familie in der Präfektur Hyogo.
1
Wir nannten ihn den Professor. Und er taufte meinen Sohn »Root«, weil ihn sein flacher Schädel an das Dach eines mathematischen Wurzelzeichens erinnerte.
»Oh, da steckt ein kluger Verstand drin«, sagte der Professor, während er ihm über das Haar strich.
Mein Sohn zog argwöhnisch die Schultern hoch. Um sich gegen den Spott seiner Freunde zu wappnen, trug er ständig seine Baseballkappe.
»Das Wurzelzeichen bietet unendlich vielen Zahlen ein schützendes Dach über dem Kopf. Übrigens auch solchen, die für uns nicht mehr wahrnehmbar sind.«
Er malte das besagte Symbol auf eine Ecke des verstaubten Schreibtisches:
Unter den zahllosen Dingen, die uns der Professor beibrachte, nahm das Wurzelzeichen den bedeutendsten Rang ein. In Anbetracht seiner Überzeugung, dass sich die Entstehung der Welt in mathematischen Formeln ausdrücken lässt, würde er über meinen Ausdruck »zahllos« wohl die Nase rümpfen. Aber mir fällt kein treffenderes Wort ein. Er erzählte uns von ungeheuer großen Primzahlen mit mehr als hunderttausend Stellen, von der allergrößten Zahl, die in mathematischen Beweisen eine Rolle spielt und im Guinnessbuch der Rekorde aufgeführt ist, sowie von mathematischen Ideen jenseits der Unendlichkeit. Aber so beeindruckend das auch sein mochte, es war nichts im Vergleich zu der intensiven Erfahrung, mit ihm die Stunden zu verbringen.
Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als er uns zu erklären versuchte, welch magische Angelegenheit es doch sei, Zahlen einem Wurzelzeichen zu unterstellen. Es war ein verregneter Abend Anfang April, im schummrigen Arbeitszimmer hatte lediglich eine Glühbirne gebrannt. Der Schulranzen meines Sohnes lag achtlos hingeworfen auf dem Teppich und draußen vor dem Fenster schimmerten die nassen Aprikosenblüten.
Egal, um welches Problem es gerade ging, der Professor erwartete von uns nicht unbedingt die richtige Lösung. Wenn wir, anstatt ratlos und stumm zu verharren, notgedrungen herumrätselten, bereiteten ihm unsere laienhaften Versuche großes Vergnügen. Am meisten freute es ihn jedoch, wenn sich aus dem ursprünglichen ein ganz neues Problem ergab. Er hatte eine besondere Vorliebe für »korrekte Irrtümer«, was uns gerade dann Mut machte, wenn wir trotz angestrengtem Nachdenken nicht auf die Lösung kamen.
»Schauen wir uns mal die Quadratwurzel aus -1 an«, schlug der Professor vor.
»Es muss also -1 herauskommen, wenn man eine Zahl mit sich selbst multipliziert, nicht wahr?« fragte Root.
Mit dem Professor hatte mein Sohn, der in der Schule gerade erst Bruchrechnen lernte, schon nach einer halben Stunde begriffen, dass es Zahlen kleiner als Null gab.
Wir stellten uns die Quadratwurzel aus -1 vor: .
Die Quadratwurzel von 100 ist 10, die Quadratwurzel von 16 beträgt 4, die Quadratwurzel von 1 ist 1 …
Der Professor drängte uns nie. Ganz im Gegenteil: Voller Freude beobachtete er uns dabei, wie wir angestrengt nachdachten.
»Solch eine Zahl gibt es vielleicht gar nicht?« fragte ich zaghaft.
»Doch, doch, sie existiert, und zwar hier.« Er tippte sich an die Brust.
»Es ist die scheueste Zahl überhaupt. Deshalb tritt sie einem auch nie unter die Augen. Sie befindet sich tief in unserem Herzen und in ihren kleinen Händen liegt die ganze Welt.«
Sprachlos versuchten wir uns die Quadratwurzel von -1 vorzustellen, wie sie uns an einem fernen, unbekannten Ort die Hände entgegenstreckte. Nur das Geräusch des Regens war zu hören. Mein Sohn strich sich über den Kopf, als wollte er sich noch einmal die Form des Wurzelzeichens vergegenwärtigen.
Aber der Professor verstand sich nicht als Lehrmeister. Er hatte großen Respekt vor Angelegenheiten, die er nicht begriff, und zeigte dann die gleiche demütige Zurückhaltung wie die Quadratwurzel aus -1. Wenn er mich brauchte, sagte er stets: »Entschuldigen Sie vielmals die Störung, aber könnten Sie bitte …«
Selbst dann, wenn ich ihm bloß den Toaster auf dreieinhalb Minuten einstellen sollte. Wenn ich den betreffenden Schalter justiert hatte, reckte er den Hals und spähte so lange in die Schlitze, bis das Brot geröstet war. Dann sah er den Toaster an, als ob es sich um einen von mir dargebrachten Beweis handeln würde, der ebenso bedeutend war wie ein Lehrsatz des Pythagoras.
Es war im März 1992, als ich von der Akebono-Haushaltsservice-Agentur an den Professor vermittelt wurde. Die Firma befand sich in einer Kleinstadt am Seto-Binnenmeer. Ich war zwar die Jüngste von allen, die dort registriert waren, hatte jedoch schon über zehn Jahre Berufserfahrung. Bislang war ich mit den unterschiedlichsten Kunden zurechtgekommen und hatte mich selbst dann nie beim Geschäftsführer beklagt, wenn ich schlecht behandelt wurde. Meine Kolleginnen hingegen machten um solche Kunden einen großen Bogen. Ich konnte mit Fug und Recht behaupten, eine sehr professionelle Einstellung zu haben.
Im Fall des Professors genügte ein Blick auf seine Karteikarte, um zu ahnen, dass er ein schwieriger Mensch sein musste. Auf der Rückseite wurde mit einem blauen Sternchen vermerkt, wenn die Haushälterinnen wechselten, und beim Professor waren es bereits neun solcher Stempel – der absolute Rekord seit meinem Eintritt in die Firma.
Als ich mich zum Vorstellungsgespräch begab, wurde ich von einer schlanken älteren Dame in eleganter Aufmachung empfangen. Sie hatte ihr kastanienbraun gefärbtes Haar hochgesteckt, trug ein Strickkleid und benutzte einen Gehstock.
»Sie werden sich um meinen Schwager kümmern«, erklärte sie.
Ich fragte mich, in welcher genauen Verwandtschaftsbeziehung die beiden wohl zueinander standen.
»Bisher hat hier niemand lange zugebracht«, fuhr sie fort. »Das ist für meinen Schwager und mich höchst unerfreulich. Wenn jemand Neues kommt, müssen wir jedes Mal wieder von vorn anfangen. Das ist sehr zeitraubend.«
Schließlich erfuhr ich, dass sie mit »Schwager« den Bruder ihres Mannes meinte.
»Die Arbeit ist nicht besonders schwierig. Sie kommen jeden Tag um 11.00 Uhr, von montags bis freitags, bereiten das Mittagessen vor, dann machen Sie die Zimmer sauber, erledigen Einkäufe, kochen das Abendessen und können um 19.00 Uhr nach Hause gehen. Das wäre alles.«
Ihre Stimme stockte jedes Mal, wenn sie das Wort »Schwager« aussprach. Ungeachtet ihres beherrschten Auftretens spielte ihre linke Hand nervös mit dem Gehstock. Obwohl sie es vermied, dass unsere Blicke sich trafen, bemerkte ich, dass sie mich argwöhnisch musterte.
»Die Einzelheiten sind in dem Vertrag aufgeführt, den ich in der Agentur hinterlegt habe. Ich möchte nur, dass sich jemand um meinen Schwager kümmert, damit er ein normales Leben führen kann, so wie andere auch.«
»Wo ist denn Ihr Schwager jetzt?« fragte ich.
Die Alte wies mit dem Stock auf ein Häuschen hinten im Garten. Ein braunes Schieferdach lugte über eine akkurat geschorene Mispelhecke.
»Bitte vermeiden Sie es, zwischen dem Gartenhaus und dem Hauptgebäude zu verkehren. Ihre Tätigkeit beschränkt sich allein auf die Wohnung meines Schwagers. An der Nordseite existiert ein Eingang von der Straße. Benutzen Sie bitte in Zukunft ausschließlich diesen. Versuchen Sie alle Probleme mit ihm vor Ort zu regeln. Tun Sie mir den Gefallen und halten Sie sich bitte strikt an diese Regel.«
Zur Bekräftigung stieß sie mit dem Stock auf den Boden.
Verglichen mit den absurden Forderungen meiner früheren Arbeitgeber – dass ich Zöpfe und jeden Tag ein andersfarbiges Haarband tragen sollte; dass das Teewasser genau 75 Grad Celsius heiß sein musste; dass ich jeden Abend meine Hände zum Gebet falten sollte, wenn der Abendstern am Himmel aufging – erschienen mir die Wünsche der alten Dame unproblematisch.
»Kann ich Ihren Schwager jetzt sehen?«
»Das ist nicht nötig.«
Sie erteilte mir eine derart schroffe Abfuhr, dass ich das Gefühl hatte, sie beleidigt zu haben.
»Wenn Sie sich heute bei ihm vorstellen, hat er Sie bis morgen vergessen. Das macht keinen Sinn.«
»Wollen Sie damit andeuten …«
»Um ehrlich zu sein, sein Gedächtnis lässt ihn im Stich. Aber er ist nicht etwa senil, seine Geisteskraft ist unvermindert groß. Vor siebzehn Jahren hat er sich bei einem Autounfall eine schwere Kopfverletzung zugezogen und leidet seitdem an Gedächtnisverlust. Seit 1975 funktioniert sein Kurzzeitgedächtnis nun schon nicht mehr. Sämtliche neuen Informationen sind nach genau 80 Minuten aus dem System gelöscht. Er kann sich zwar an irgendwelche Theoreme erinnern, die er vor dreißig Jahren...
Erscheint lt. Verlag | 12.10.2012 |
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Übersetzer | Sabine Mangold |
Verlagsort | München |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
Schlagworte | Familiengeschickte • Haruki Murakami • Japan • Mathematik • Yomiuri-Preis |
ISBN-10 | 3-95438-009-9 / 3954380099 |
ISBN-13 | 978-3-95438-009-1 / 9783954380091 |
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