Engel aus Eis (eBook)
512 Seiten
Ullstein (Verlag)
978-3-471-92008-4 (ISBN)
Camilla Läckberg, Jahrgang 1974, stammt aus Fjällbacka. Sie hat weltweit über 35 Millionen Krimis und Thriller verkauft und ist Schwedens erfolgreichste Autorin. Mit ihrem Unternehmen »Invest In Her« fördert sie Projekte junger Frauen. Camilla Läckberg lebt mit ihrer Familie in Stockholm.
Camilla Läckberg, Jahrgang 1974, stammt aus Fjällbacka - der kleine Ort und seine Umgebung sind Schauplatz ihrer Kriminalromane. Weltweit hat Läckberg inzwischen über zwölf Millionen Bücher verkauft, sie ist Schwedens erfolgreichste Autorin. Heute lebt Camilla Läckberg in einer großen Patchworkfamilie in Stockholm.
Fjällbacka 1943
Hört dieser Krieg denn nie auf?«
Elsy kaute an ihrem Stift und überlegte, was sie schreiben sollte. Wie ließen sich ihre Gedanken über diesen Krieg zusammenfassen, der zwar woanders stattfand, aber doch auch hier war? Es war so ungewohnt, Tagebuch zu schreiben. Sie wusste nicht, wie sie auf die Idee gekommen war, aber offenbar hatte sie das Bedürfnis, all die Gedanken zu Papier zu bringen, die ihr ganz normales und trotzdem so seltsames Leben mit sich brachte. Ein Teil von ihr erinnerte sich kaum noch an die Zeit vor dem Krieg. Sie wurde bald vierzehn Jahre alt und war bei Ausbruch des Krieges erst neun gewesen. In den ersten Jahren hatten sie nicht viel davon mitbekommen. Was auffiel, war die Wachsamkeit der Erwachsenen. Der Eifer, mit dem sie die Nachrichten verfolgten. Die Haltung, mit der sie vor dem Radioapparat im Wohnzimmer saßen, angespannt, ängstlich und doch seltsam erregt. Was da in der Welt passierte, war ja trotz allem spannend – bedrohlich, aber aufregend. Ansonsten hatte sich der Alltag kaum verändert. Die Schiffe fuhren hinaus und kehrten zurück. Manchmal war der Fang gut, manchmal schlecht. An Land hatten die Frauen ihr Tun, genau wie ihre Mütter und deren Mütter vor ihnen. Kinder wurden geboren, Wäsche musste gewaschen und Häuser mussten in Ordnung gehalten werden. Nun drohte der Krieg, diesen endlosen Kreislauf zu unterbrechen und ihre Welt durcheinanderzubringen. Diese Spannung hatte sie schon als Kind gespürt. Und jetzt war der Krieg fast hier angekommen.
»Elsy?« Von unten hörte sie die Stimme ihrer Mutter. Schnell klappte Elsy das Tagebuch wieder zu und legte es in die oberste Schublade ihres kleinen Schreibtisches am Fenster. Viele Stunden hatte sie hier mit ihren Hausaufgaben verbracht, aber nun war ihre Schulzeit vorbei. Eigentlich brauchte sie den Schreibtisch nicht mehr. Sie strich ihr Kleid glatt und ging hinunter zu ihrer Mutter.
»Geh bitte Wasser holen.« Die Mutter sah müde und fahl aus. Sie hatten den Sommer über in dem kleinen Raum im Keller gehaust und die oberen Stockwerke an Urlauber vermietet. Reinigung und Vollpension waren in der Miete inbegriffen, und die Sommergäste waren ziemlich anspruchsvoll gewesen. Ein Rechtsanwalt aus Göteborg nebst Gattin und drei ungezogenen Kindern. Elsys Mutter Hilma war von früh bis spät auf den Beinen, um ihre Kleidung zu waschen, ihren Proviant für die Bootsfahrten zu packen und hinter ihnen aufzuräumen, und musste sich ja gleichzeitig auch um ihren eigenen Haushalt kümmern.
»Setz dich einen Augenblick, Mutter.« Sanft legte Elsy ihrer Mutter die Hand auf die Schulter. Ihre Mutter zuckte zurück. Es war nicht üblich, dass sie sich berührten. Nach kurzem Zögern tätschelte sie jedoch die Hand ihrer Tochter und ließ sich dankbar auf einen Stuhl drücken.
»Es war höchste Zeit, dass sie abreisten. Was für verwöhnte Menschen aber auch. ›Könnten Sie vielleicht … wären Sie so nett … Hilma hier und Hilma da …‹« Hilma äffte die weltgewandten Stimmen nach, schlug sich dann aber erschrocken die Hand vor den Mund. So redete man nicht über feine Leute, das war respektlos! Jeder musste wissen, wo er hingehörte.
»Ich kann verstehen, dass du müde bist. Sie haben es uns wirklich nicht leichtgemacht.« Elsy goss das restliche Wasser in einen Topf und stellte ihn auf den Herd. Als das Wasser kochte, rührte sie den Kaffee-Ersatz hinein.
»Ich hole gleich Wasser, aber jetzt trinken wir erst mal ein Tässchen.«
»Du bist ein liebes Mädchen.« Hilma nahm einen Schluck von dem erbärmlichen Zeug. Bei feierlichen Anlässen trank sie den Kaffee mit einem Stück Zucker zwischen den Zähnen aus der Untertasse, aber nun musste man sparsam mit dem Zucker umgehen, und mit diesem Muckefuck war es auch nicht das Gleiche.
»Hat Vater gesagt, wann er wieder nach Hause kommt?«, fragte Elsy mit gesenktem Blick. Seit Krieg herrschte, hatte diese Frage eine ganz andere Bedeutung als früher. Vor nicht allzu langer Zeit war die Öckerö torpediert worden und mit der gesamten Besatzung untergegangen. Seitdem hatte jeder Abschied einen schicksalsschweren Beigeschmack. Aber die Arbeit musste weitergehen. Es gab keine andere Wahl. Das Frachtgut musste befördert und der Fisch gefangen werden. Krieg hin oder her, das waren die Bedingungen. Sie mussten dankbar sein, dass die Küstenschiffe überhaupt zwischen Norwegen und Schweden verkehren durften. Als viel gefährlicher galt ohnehin der Geleitverkehr außerhalb der Absperrung. Die Fischkutter aus Fjällbacka fingen zwar nicht mehr so viel wie früher, konnten die Verluste aber mit Transporten von und nach Norwegen ausgleichen. Meistens brachte Elsys Vater Eis aus Norwegen mit, und wenn er Glück hatte, konnte er Ladung dorthin mitnehmen.
»Wenn er doch nur …«, Hilma zögerte, »… wenn er doch nur etwas vorsichtiger wäre …«
»Wer? Vater?«, fragte Elsy, obwohl sie genau wusste, wen ihre Mutter meinte.
»Ja.« Hilma nahm einen Schluck und verzog das Gesicht. »Diesmal hat er den Sohn vom Doktor mitgenommen. Das nimmt kein gutes Ende. Mehr sage ich nicht dazu.«
»Axel ist mutig, er gibt sein Bestes. Und Vater will ihm helfen, so gut er kann.«
»Aber das Risiko«, Hilma schüttelte den Kopf, »das er eingeht, wenn dieser Junge und seine Freunde dabei sind … Er reißt Vater und die anderen mit ins Unglück. So sehe ich das.«
»Wir müssen alles tun, um den Norwegern zu helfen«, sagte Elsy leise. »Stell dir vor, es hätte uns getroffen? Wären wir dann nicht auch auf ihre Hilfe angewiesen? Axel und seine Freunde tun viel Gutes.«
»Jetzt reden wir nicht mehr darüber. Wann holst du endlich das Wasser?« Mürrisch spülte Hilma die beiden Tassen aus, aber Elsy nahm ihr die Schroffheit nicht übel. Im Grunde machte Hilma sich Sorgen.
Sie warf einen letzten Blick auf den viel zu früh gekrümmten Rücken ihrer Mutter, griff nach dem Henkel und ging zum Brunnen.
Zu seinem Erstaunen konnte Patrik den Spaziergang richtig genießen. In den letzten Jahren hatte er nicht viel Sport getrieben, aber wenn er während des Erziehungsurlaubs jeden Tag einen ausgedehnten Spaziergang machte, wurde er den kleinen Bauch vielleicht wieder los. Da Erica zu Hause den Daumen auf die Süßigkeiten hielt, hatte er bereits ein bis zwei Kilo abgenommen.
In raschem Tempo ging er an der Tankstelle vorbei und weiter in Richtung Süden. Er hatte sich vorgenommen, bis zur Mühle zu marschieren und dann umzukehren. Maja plapperte fröhlich vor sich hin. Sie war leidenschaftlich gern draußen unterwegs und begrüßte alle, die ihr entgegenkamen, mit einem strahlenden Lächeln und einem fröhlichen Hallo. Sie war wirklich ein kleiner Sonnenschein, doch wenn sie nicht gut drauf war, offenbarte sie auch ganz andere Seiten. Das musste sie von Erica haben, dachte Patrik.
Während er seinen Weg fortsetzte, verspürte er eine große Zufriedenheit mit seinem Leben. Der Alltag lief mittlerweile wunderbar. Endlich hatten Erica und er das Haus für sich allein. Er hatte zwar nichts gegen Anna und die Kinder, aber es war doch ein wenig mühsam gewesen, monatelang auf so engem Raum zusammenzuwohnen. Natürlich belastete ihn auch die Sache mit seiner Mutter. Er hatte immer das Gefühl, zwischen den Fronten zu stehen. Er konnte nachvollziehen, dass es Erica nervte, wenn seine Mutter ständig vorbeikam und spitze Bemerkungen über den Haushalt oder ihren Erziehungsstil abgab, aber er hätte sich gewünscht, dass Erica einfach auf Durchzug schaltete. So wie er. Man musste doch auch Verständnis für Kristina haben, die allein lebte und außer ihm und seiner Familie kaum jemanden hatte. Seine Schwester Lotte wohnte in Göteborg. Das lag zwar nicht am Ende der Welt, aber es war viel einfacher, seine kleine Familie zu besuchen. Außerdem war sie eine große Hilfe. Er und Erica waren einige Male essen gegangen, während Kristina das Kind hütete, und … er wünschte sich einfach, Erica hätte etwas mehr Sinn für die Vorteile.
»Guck mal!« Aufgeregt deutete Maja mit ihrer kleinen Hand auf die Koppel, wo Rimfaxes Pferde grasten. Patrik war zwar kein großer Freund dieser Tiere, musste aber zugeben, dass Fjordpferde ganz niedlich waren und einen relativ harmlosen Eindruck machten. Sie blieben eine Weile stehen, um die Pferde zu beobachten, und Patrik nahm sich vor, beim nächsten Mal ein paar Äpfel oder Mohrrüben mitzubringen. Als Maja genug von den Tieren hatte, schob er den Kinderwagen das letzte Stück bis zur Mühle, machte kehrt und ging zurück in Richtung Fjällbacka.
Wie gewöhnlich bewunderte er den Kirchturm, der auf seiner Anhöhe so eindrucksvoll über die Stadt wachte, als er ein bekanntes Auto erblickte. Da weder Blaulicht noch Sirene eingeschaltet waren, konnte es sich nicht um einen Notfall handeln, aber er spürte trotzdem seinen Puls steigen. Als das erste Polizeiauto den Bergrücken erreicht hatte, sah er auch den zweiten Wagen dahinter. Patrik runzelte die Stirn. Beide Autos. Es musste etwas Wichtiges sein. Als der erste Wagen noch etwa hundert Meter entfernt war, winkte er. Martin fuhr an den Straßenrand. Maja ruderte hektisch mit den Armen. In ihrer Welt war es immer erfreulich, wenn etwas passierte.
»Hallo, Hedström, machst du einen Spaziergang?« Martin winkte Maja...
Erscheint lt. Verlag | 8.9.2010 |
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Reihe/Serie | Ein Falck-Hedström-Krimi |
Ein Falck-Hedström-Krimi | |
Übersetzer | Katrin Frey |
Verlagsort | Berlin |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
Schlagworte | anders • Band • Bestseller • blutig • Buch • Bücher • Crime • Dänemark • Detektiv • Deutsche • Deutschland • Dexter • Eltern • Engelmacherin • Erica Falck • Ermittler • Familie • Familien • Familienchaos • Family • Finnland • Fjällbacka • Frau • Frauen • Freunde • Geschichte • Geschlecht • Gesellschaft • Gesicht • Göteborg • Hand • Handlung • Haus • Hause • Historische Kriminalromane • Island • Jahr • Jahre • Jahren • Jahrhundert • Kajsa Ingemarsson • Kind • Kinder • Kindergarten • Kindern • Kindersitz • Kinderwagen • kleinen • Kommissar • Krimi • Kriminalpolizei • Kriminalpsychologie • Kriminalroman • Krimis • Land • Leben • Leuchtturmwärter • Liebe • Liebesgeschichte • Liste • Mann • Menschen • Mord • Mörder • Mutter • Mystery • Norwegen • Österreich • Patchworkfamilie • Patrik Hedström • Personen • Polizei • Polizist • Psycho • Rolle • Roman • romantisch • Romanze • Schweden • Serienmörder • Skandinavien • Spannung • Stimme • Stockholm • Suspense • Tana French • Tatort • Teil • Thriller • Tochter • USA • Vater • Verbrechen • Verwandtschaft • Weihnachten • Welt • Zeit |
ISBN-10 | 3-471-92008-0 / 3471920080 |
ISBN-13 | 978-3-471-92008-4 / 9783471920084 |
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