Schlechtes Vorbild, gute Vibes (eBook)
320 Seiten
Riva Verlag
978-3-96775-015-7 (ISBN)
Pati Valpati wurde 1996 geboren und schlägt ihre litauisch-iranischen Wurzeln aktuell in Berlin. Zuvor studierte sie Medien- und Kommunikationswissenschaften in London, worin sie einen Master mit Auszeichnung abstaubte. Neben ihrer beeindruckenden akademischen Laufbahn, dem Umstand, dass sie etwa 27 Instrumente erlernt hat (von denen sie noch mindestens 2 1/2 beherrscht), und ihrem Talent für das Malen winzig kleiner Naturlandschaftsbilder ist sie ebenfalls als offiziell zertifiziertes schlechtes Vorbild, Instagram-Caption-Virtuosin und Katzentrainerin aktiv.
Pati Valpati wurde 1996 geboren und schlägt ihre litauisch-iranischen Wurzeln aktuell in Berlin. Zuvor studierte sie Medien- und Kommunikationswissenschaften in London, worin sie einen Master mit Auszeichnung abstaubte. Neben ihrer beeindruckenden akademischen Laufbahn, dem Umstand, dass sie etwa 27 Instrumente erlernt hat (von denen sie noch mindestens 2 1/2 beherrscht), und ihrem Talent für das Malen winzig kleiner Naturlandschaftsbilder ist sie ebenfalls als offiziell zertifiziertes schlechtes Vorbild, Instagram-Caption-Virtuosin und Katzentrainerin aktiv.
Sei ein*e gute*r Freund*in
Nur wenige Dinge können einen so effektiv ins soziale Abseits katapultieren wie die Eigenschaft, eine schlechte Freundin oder ein schlechter Freund zu sein. Eine schlechte Schwester oder ein schlechter Bruder zu sein ist eine Sache. Geschwister hat man sich immerhin nicht selbst ausgesucht, man wird einfach eines Tages – ganz ohne Mitspracherecht – für immer dazu verdammt, sich mit ein paar zwielichtigen Kreaturen um den knusprigen Ofenkäserand und den Platz als Lieblingskind zu streiten. Da kann man auch mal zuschlagen. Verbal natürlich.
Freund*innen dagegen sucht man sich selbst aus. Man pflückt sie wie erlesene Erdbeeren vom Freundschaftsstrauch und entscheidet dann, dass man mit diesen Menschen den Rest des Lebens oder zumindest den Rest des momentanen Lebensabschnitts verbringen möchte. Man wählt höchstpersönlich aus, bei wem man sich ausheult, wenn man wieder erst drei Tage vor der Deadline mit der Uni-Hausarbeit angefangen hat, bei wem man zukünftig auf der Couch nächtigt, wenn man sich um fünf Uhr morgens aus der Wohnung ausgesperrt hat, und mit wem man sich die letzte Jägermeister-Cola-Mische teilt, weil man gemeinsam das ganze Geld für Avocado-Toasts und Soja-Lattes verbraten hat.
Grundsätzlich sind diese Menschen, in Fachkreisen auch Freund*innen genannt, Leute, die man nicht unbedingt enttäuschen möchte und mit denen man es sich auch nicht unbedingt verkacken will. Man mag sie in der Regel ja recht gerne und gedenkt, sie für einen möglichst langen Zeitraum zu behalten.
Daher ist es auch naheliegend, dass sich der Ratschlag »Sei ein*e gute*r Freund*in« von einer stinknormalen Empfehlung zu einem ungeschriebenen Gesetz hochgeschlafen hat. Niemand muss ihn aktiv ins Ohr geraunt bekommen, um zu wissen, dass ein*e gute*r Freund*in zu sein tatsächlich eine grundsätzlich gute Lebensphilosophie ist.
Es gibt nur eine winzig kleine Schwierigkeit bei der Befolgung dieses Ratschlages: Woher weiß man eigentlich, was einen guten Freund oder eine gute Freundin im 21. Jahrhundert (angeblich) auszeichnet?
Um herauszufinden, welche Fehltritte eine Person (zu Recht) zur Abtrünnigen des Gartens der sozialen Kontakte machen, habe ich daher mal bei meinen auserwählten Freund*innen herumgefragt. Als Ergebnis ist diese nützliche Liste entstanden:
Nützliche Liste von Dingen, die ein guter Freund oder eine gute Freundin anscheinend mit sich bringen sollte, um sich guten Gewissens als solche*r bezeichnen zu dürfen
- Die Fähigkeit, gut zuhören zu können
- Das Vermögen, hilfreiche Ratschläge zu geben
- Der Wille, das Gegenüber nicht zu kritisieren
- Die Bereitschaft, immer ehrlich zu sein
- Das hellseherische Talent, um zu merken, wenn es dem Gegenüber schlecht geht
- Die Gabe, möglichst schnell auf Nachrichten zu antworten
- Die Hilfsbereitschaft, dem Gegenüber beim Kotzen die Haare zu halten
- Die Bereitwilligkeit, das Gegenüber so zu akzeptieren, wie es ist
Was erst mal wie die Anforderungen für ein Stipendiat an der Hebammenschule klingt, sind tatsächlich nur allgemein etablierte und auf den ersten Blick durchaus legitim wirkende Erwartungen an Freundschaften. (Als »legitim« gilt in diesem Zusammenhang natürlich alles, was ich persönlich legitim finde. Die Liste erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit und zählt zudem eh nur die Punkte auf, die meiner Argumentation dienen. Mein Buch – meine Regeln.)
Wenn ich mir diese Liste aber gründlicher durchlese, macht sich in mir ein mulmiges Gefühl breit. Ich realisiere, dass nur wenige Punkte darauf zweifelsfrei mit meinen Fähigkeiten als guter Freundin übereinstimmen. Tatsächlich könnte diese Liste in meinem Fall nicht weniger zutreffend sein. Mir schießen sofort Dutzende von Situationen durch den Kopf, in denen ich laut dieser Aufzählung definitiv eine schlechte Freundin war:
- Alle Situationen, in denen ich nicht gut zugehört habe
- Alle Situationen, in denen ich Ratschläge gegeben habe, die wenig hilfreich waren
- Alle Situationen, in denen ich mein Gegenüber kritisiert habe
- Alle Situationen, in denen ich nicht ganz ehrlich war
- Alle Situationen, in denen ich nicht auf wundersame Art und Weise gemerkt habe, dass es meinem Gegenüber schlecht ging
- All die zahllosen Situationen, in denen ich nicht schnell auf Nachrichten geantwortet habe
- Die Situation, in der ich zwar bereit war, meinem Gegenüber beim Kotzen die Haare zu halten, aber dann selbst kotzen musste, weil ich es so eklig fand
Bedeutet das nun, dass ich mich schon mal präventiv von der Vorstellung verabschieden kann, jemals den Ansprüchen meiner Freund*innen gerecht zu werden? Heißt das, dass alle meine Freundschaften, die mal waren, aber nicht mehr sind, keinem rein zufälligen »Es hat sich halt verlaufen« zum Opfer fielen, sondern eher von einem »Gott sei Dank bin ich dieser unproduktiven und wirklich armseligen Freundschaft noch knapp entkommen« beendet wurden? Bin ich, die ohne ihre Freund*innen nur ein Häufchen emotionaler Schutt wäre, diese eine Person, mit der man auf keinen Fall befreundet sein sollte, weil eine Freundschaft mit ihr ein sicheres Ticket für den Zug in Richtung Langzeittherapie ist?
Um diese Fragen beantworten zu können, ist erst einmal eine ausführliche Analyse meiner vermeintlichen Freundschaftsfehltritte nötig.
Die Fähigkeit, gut zuhören zu können
Generell würde ich behaupten, dass ich als recht gute Zuhörerin durchgehe. Ich habe kein Problem damit – oder im Idealfall sogar Spaß daran –, stundenlang mit einer Freundin zu analysieren, ob das fehlende zweite »e« im »Lieb dich« ihres Lebensabschnittsgefährten bedeutet, dass er bald Schluss machen wird, oder ob der Grund für seine digital-verbale Kälte ein spontan klemmendes »e« auf seiner Tastatur sein könnte. Auch wenn es um so spannende Themen wie das erste Treffen einer Freundin mit einem Tinder-Date geht, möchte ich wirklich jedes Detail wissen. Ich nehme wahrhaftig Anteil, höre zu und stelle die richtigen und wichtigen Fragen: »Wie, die Jeans, die er anhatte, war stonewashed? War die eher Troy-Bolton-in-High-School-Musical-mäßig oder Maluma 2015? Da waren Schlitze drin?! Dann probier es doch lieber noch mal mit dem Typen, der seinen Nachbarn die McDonalds-Gutscheine aus dem Briefkasten klaut.«
Wie man hier bereits erahnen kann, wird es beim zweiten Punkt auf der Anforderungsliste, nämlich »hilfreiche Ratschläge geben«, in meinem Fall vielleicht etwas kritisch. Aber dazu kommen wir gleich. Bleiben wir erst mal beim Zuhören, bevor wir zum Antworten kommen, denn hier liegt mein erstes Defizit: Egal, wie sehr ich versuche, meinen Freund*innen und ihren Problemen immer aufmerksam und produktiv zuzuhören, gab es leider mehr Situationen, als ich aufzählen kann, in denen die aufgebracht argumentierende Stimme meines Gegenübers vollständig von der »Crazy Frog«-Titelmelodie in meinem Kopf übertönt wurde. Weil ich abgelenkt war (Videos von kleinen Hunden mit schiefen Zähnen), weil ich mit meinen Gedanken bei Hector Bellerin war (er spielt [bestimmt] tollen Fußball und hat [definitiv] tolle Haare), weil die Katzen gerade irgendwas sehr Niedliches oder sehr Ekliges getan haben (sich erst das Arschloch und dann das Gesicht putzen) oder weil ich Hunger hatte. Das ist nicht besonders schmeichelhaft, aber selbst der empathischste, sensibelste, achtsamste und geduldigste Mensch der Welt (der ich keinesfalls zu sein behaupte) schaltet irgendwann ab, wenn sich das Gespräch zum dreiundzwanzigsten Mal darum dreht, dass ein Verflossener es gewagt hat, das Passwort des gemeinsamen Netflix-Accounts zu ändern. Zuhören ist nämlich nur halb so erfüllend, wenn die Kommunikation einseitig bleibt. Und spätestens wenn man das Gefühl hat, dass die eigenen Probleme, die auch etwas Zuhörerei gebrauchen könnten (»Wie bringe ich meine Katzen dazu, die Reihenfolge ihrer Putzrituale zu überdenken?«), konstant von den banalen Wehwehchen der anderen übertönt werden, entwickelt sich das Zuhören vom selbstverständlichen Freundschaftsbonus zur qualvollen Freundschaftspflicht.
Bevor man sich also selbst in die Schlechte*r-Freund*in-Box steckt, weil man nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit Spaß daran finden kann, den endlosen Monologen der engsten Vertrauten voller Spannung zu lauschen, sollte man sich zwei Fragen stellen:
- Ob ein Ungleichgewicht herrscht und man selbst ständig nur den zuhörenden Part übernehmen muss, dem selten zugehört wird, denn dann ist eher die andere Partei im Rückstand, was Punkte auf der Freundschaftsskala angeht.
Ist das nicht der Fall, dann greift:
- Ob es nicht völlig normal ist, ein Problem nicht mit derselben Intensität zu empfinden wie die Person, die es tatsächlich...
Erscheint lt. Verlag | 31.7.2022 |
---|---|
Verlagsort | München |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Geschichte / Politik ► Politik / Gesellschaft |
Sozialwissenschaften ► Politik / Verwaltung | |
Schlagworte | beziehungstipps • buch witzig • Comedy • datingtipps • Erwachsenwerden • Instagram • lustig • Pati Buch • Ratgeber • Ratschläge • Shirin David • Social Media • Starke Frauen • Träume verwirklichen • Verantwortung • Vorbilder |
ISBN-10 | 3-96775-015-9 / 3967750159 |
ISBN-13 | 978-3-96775-015-7 / 9783967750157 |
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
Haben Sie eine Frage zum Produkt? |

Größe: 3,1 MB
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich