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Herr Faustini verreist - Wolfgang Hermann

Herr Faustini verreist

Roman
Buch | Hardcover
144 Seiten
2006 | 2. Auflage
Zsolnay, Paul (Verlag)
978-3-552-06025-8 (ISBN)
14,90 inkl. MwSt
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Herr Faustini lebt allein in einem kleinen Dorf nahe der schweizerischen Grenze. Er verbringt viel Zeit in öffentlichen Verkehrsmitteln. Er spürt den "Reststücken herrenloser Zeit" nach, in einer auf Nutzen und Gewinn ausgerichteten Welt. Er nimmt gern den längsten und niemals den kürzesten Weg, er sucht nach Inseln stillstehender Zeit. Als seine Schwester, die im Süden verheiratet ist, einen runden Geburtstag feiert und ihn einlädt, macht er sich auf eine Reise, die ihn weit aus seinem gewohnten Leben entführt. Herr Faustini, unangepasst, traumverloren und oftmals ziemlich ungeschickt, ist nicht ganz von dieser Welt - doch ohne ihn wäre sie um vieles ärmer.
Herr Faustini lebt allein in einem kleinen Dorf nahe der Schweizer Grenze. Er verbringt viel Zeit in öffentlichen Verkehrsmitteln. Er spürt den "Reststücken herrenloser Zeit" nach, in einer auf Nutzen und Gewinn ausgerichteten Welt. Er nimmt gern den längsten und niemals den kürzesten Weg, er sucht nach Inseln stillstehender Zeit.
Als seine Schwester, die im Süden verheiratet ist, einen runden Geburtstag feiert und ihn einlädt, macht er sich auf eine Reise, die ihn weit aus seinem gewohnten Leben entführt.
Herr Faustini, unangepasst, traumverloren und oftmals ziemlich ungeschickt, ist nicht ganz von dieser Welt - doch ohne ihn wäre sie um vieles ärmer.

Wolfgang Hermann, geboren 1961 in Bregenz, studierte Philosophie und Germanistik in Wien, Promotion mit einer Arbeit über Hölderlin. Lebte längere Zeit in Berlin, Paris und in der Provence sowie von 1996 bis 1998 als Universitätslektor in Tokyo. Seit 1987 freier Schriftsteller, Arbeiten für Theater, Musik und Hörspiel, zahlreiche Buchveröffentlichungen, zuletzt: "Das japanische Fährtenbuch" (2003) und "Das Gesicht in der Tiefe der Straße" (2004). Seine Erzählungen und Gedichte erschienen bisher u.a. in englischer, französischer, spanischer, arabischer, japanischer und koreanischer Übersetzung.

"Eine kleine Chronik des schrägen Blicks... Ein Buch, das in beeindruckend schlanken Sätzen die Essenz eines Lebens zu bannen vermag."
Peter Henning, profil, 6. Februar 2006

"Ein wunderbar leichter, luftiger Text, mit feinem Humor - ein Buch, das vielleicht auch Zauderern helfen könnte, ihr Leben ein bisschen zu ändern." Matthias Kussmann, SWR, 13.März 2006

"In Wolfgang Hermanns Buch erfahren wir von den zahlreichen Varianten der Freiheit, die überall schlummern - man braucht sie nur anzurühren mit dem Zauberstab des Blicks oder des Worts."
Leopold Federmair, Neue Zürcher Zeitung 5. September 2006

Mit einemmal meldete sich nach gar nicht so langer Wartezeit, die dem Telefonkunden mit Musik, dann mit Ansprache, wieder mit Musik, dann mit der Aufforderung, Geduld zu haben, dann mit der Versicherung, daß die erste freie Leitung für ihn reserviert wäre, verkürzt wurde, nach gar nicht so langer Wartezeit also meldete sich Frau Judith Robatscher, die sich mit ihrem vollen Namen vorstellte und fragte »Was kann ich für Sie tun?«. Herr Faustini stellte sich selbstredend ebenfalls mit seinem Namen vor, Faustini, sagte er und räusperte sich, denn er hatte nicht erwartet, bei der Zugauskunft als Person in Erscheinung treten zu müssen. Umso besser, dachte er. Soll Frau Robatscher nur wissen, wer da verreist. Denn wenn er seine Reiseabsichten einmal öffentlich mitgeteilt hatte, konnte er nicht mehr zurück. Nun wollte Herr Faustini wissen, ob es eine Zugverbindung geradewegs in den Süden gebe. Von Bregenz geradewegs in den Süden. So wie jahrhundertelang die Kaufleute über Chur die berüchtigte Via Mala hinauf über den San Bernardino und steil hinunter ins Tal nach Bellinzona gezogen waren. Und nicht nur die Kaufleute. Landsknechte waren es, die in großen Haufen durch die Jahrhunderte den Weg an Chur vorbei und hinein in die Via Mala und hinauf in die rauhen Höhen des San Bernardino gezogen waren, angeheuert von italienischen Kriegsherren, die gutes Geld für die Dienste der Krieger mit ihren Langspießen zahlten. Ob es eine Verbindung über Chur nach Ascona gebe, wollte Herr Faustini wissen. Frau Judith Robatscher meinte, ja, es gebe eine Verbindung über St.Margrethen nach Chur. In Chur müsse man umsteigen in den Bus nach Bellinzona. In Bellinzona umsteigen in den Zug nach Locarno. In Locarno umsteigen in den Bus, der nur zehn Minuten nach Ascona Posta benötige. Insgesamt dauere die Reise auf dieser Strecke über zehn Stunden. Dann nehme ich diese Strecke, meinte Herr Faustini. Frau Judith Robatscher gab zu bedenken, daß Herr Faustini auf der anderen Strecke in nur sechs Stunden in Ascona wäre. Was einer Zeitersparnis von über vier Stunden entspreche. Herr Faustini fragte Frau Judith Robatscher, wie sie persönlich über die solcherart gesparten vier Stunden verfügen würde. Nun, sie persönlich würde, meinte Frau Judith Robatscher, die vier Stunden für einen Einkaufsbummel verwenden. Oder einen Besuch im Kino. Verstehen Sie, meinte Frau Judith Robatscher. Herr Faustini verstand vollkommen. Das ziellose Umherstreifen gehörte zu seiner Spezialdisziplin. Allerdings war er noch nie in einer wildfremden Stadt ziellos umhergestreift. Das könnte eine unvorhergesehene Wendung nehmen. Zum Beispiel könnte vierstündiges Umherstreifen in der Stadt Bellinzona oder in der Stadt Chur damit enden, daß Herr Faustini von einem bestimmten Schaufenster nicht mehr loskam, sei es ein Geschäft für Herrenbekleidung, sei es ein Geschäft für Elektrowaren oder gar ein Geschäft für Kosmetikartikel, von denen Herr Faustini nun unfreiwillig wegen des Geburtstags seiner Schwester ein klein wenig verstand. Nicht weil ihn die Gier, alle diese Gegenstände besitzen zu wollen, an dem Schaufenster festhielt, kam Herr Faustini nicht mehr davon los. Weit eher war es ein ihm nur halbbewußtes Verlangen, die gesehenen Dinge nicht verlassen zu können, ohne sie in eine innere Ordnung gebracht zu haben, worin sie halbwegs geborgen waren. Denn auch die scheinbar leblosesten Dinge haben doch in sich ein Verlangen, in einer Ordnung aufgehoben zu sein, meinen Sie nicht, Frau Judith Robatscher, fragte Herr Faustini. Frau Judith Robatscher schwieg einen Atemzug lang, und sie schwieg einen zweiten und einen dritten Atemzug lang. Herr Faustini klopfte leise auf den Telefonhörer, vielleicht war das Gespräch ja unterbrochen worden. Frau Judith Robatscher, sind Sie noch da, fragte Herr Faustini. Ja, sagte Frau Judith Robatscher wie aus der Stille einer kühlen Höhle heraus, in die man sich an besonders warmen Tagen gerne zurückziehen würde, wäre eine Höhle zur Hand. Meistens ist aber an den besonders heißen Tagen keine Höhle zur Hand. Sie nehmen also den Bus von Chur nach Bellinzona, nicht wahr, fragte Frau Judith Robatscher. So ist es, antwortete Herr Faustini. Denn sehen Sie, Frau Judith Robatscher, die vier Stunden, die ich da in dem Gefährt zwischen Himmel und Erde mit Blick hinein in die kühlen Berge verbringe, die sind ja nicht verloren. Im Gegenteil. Unvergleichlich können solche Stunden im Bus zwischen Himmel und Erde sein. Besonders, wenn man nicht recht weiß, wo man sich befindet. Das Nichtwissen, wo man gerade ist, ist geradezu eine Vorbedingung für unvergleichliche Stunden. Das sagt Ihnen einer, Frau Judith Robatscher, der eigentlich nie verreist und der doch ständig verreist, wenn man das Reisen auf allerkleinstem Raum auch als Reisen bezeichnen darf. Ja, ich bin ein Miniaturreisender, Frau Judith Robatscher, und zwar aus Leidenschaft. Ich verreise täglich, und zwar auf allerkleinstem Raum, sodaß es keiner bemerkt, daß ich wieder verreist bin. Es wäre auch außer meinem Kater und meiner Nachbarin, der Frau Gigele, keiner da, der bemerken könnte, daß ich verreist bin. Morgen aber soll ich wirklich verreisen. Und zwar nach Ascona zum Geburtstag meiner Schwester. Nun läßt die Reise sich nicht mehr verschieben, nun muß ich fahren. Jahrelang habe ich meine Schwester hingehalten. Nun geht’s nicht mehr. Was meinen Sie, Frau Judith Robatscher? Frau Judith Robatscher meinte, sie habe in dieser Sache eigentlich keine Meinung. Ihre Aufgabe habe sich bislang auf die Weitergabe von Reisedaten beschränkt. Und sind Sie denn zufrieden mit dem Weitergeben von Reisedaten, fragte Herr Faustini. Die Zugauskunft sei eine Arbeitsstelle wie jede andere, meinte Frau Robatscher. Jemand müsse diese Arbeit machen, da sie nicht vollständig durch computergesteuerte Systeme ersetzt werden könne. Der Mensch brauche nun einmal menschliche Ansprache. Dafür sei sie ausgebildet worden. Ich wollte Ihnen mit meiner Frage keinesfalls zu nahe treten, Frau Judith Robatscher, meinte Herr Faustini. Bitte entschuldigen Sie meine Aufdringlichkeit. Judith Robatscher meinte, er sei ihr nicht zu nahe getreten. Ganz im Gegenteil fände sie es hochinteressant, endlich einen Anrufer zu haben, der nicht an der schnellsten Zugverbindung interessiert sei. Noch nie sei ihr ein Anrufer untergekommen, der nicht nach der schnellsten Verbindung gefragt habe. Herr Faustini verabschiedete sich von Frau Judith Robatscher, bedankte sich für ihre präzise Auskunft und legte auf. Nun hatte er einen Fernet Branca verdient. Schließlich wurde es ernst mit der Reise. Und Herr Faustini staunte über seinen Mut. Und wenn es ans Staunen und Mutigsein ging, dann war ein Fernet Branca nicht verfehlt. Der Fernet ging warm die Kehle hinunter. Da fiel Herrn Faustini ein, daß er Frau Judith Robatscher die Ohren vollgeredet hatte. Ob er sie noch einmal anrufen sollte, um ihr zu erklären, daß er normalerweise nicht soviel redete? Er schenkte noch einen Fernet Branca nach und trank ihn auf Frau Judith Robatschers Wohl.

Sprache deutsch
Maße 120 x 190 mm
Gewicht 221 g
Einbandart kartoniert
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
ISBN-10 3-552-06025-1 / 3552060251
ISBN-13 978-3-552-06025-8 / 9783552060258
Zustand Neuware
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