Perry Rhodan Neo 239: Merkosh (eBook)
160 Seiten
PERRY RHODAN digital (Verlag)
978-3-8453-5439-2 (ISBN)
1.
Merkosh rannte, so schnell er konnte. Dabei zwang er sich, nur nach vorn zu schauen. Er wusste aus Erfahrung, dass er ins Stolpern geraten und stürzen würde, wenn er sich nach seinen Verfolgern umsah.
Der junge Oproner hetzte auf eins der kleinen Glaswäldchen zu, die sich wie Inseln über die hügelige Graslandschaft der Lehranstalt verteilten – die einzigen Orte in erreichbarer Distanz, die sich zumindest halbwegs als Verstecke eigneten.
Hinter ihm erklangen laute Rufe. Hatten sie ihn entdeckt? Dann war er verloren. Er spürte, wie die Halme der Traklyten gegen seine Unterschenkel schlugen; so fest, dass ihre Nährflüssigkeit austrat, die in den jungen Trieben gespeichert war und von seiner Haut absorbiert wurde. Der ekelhaft süßliche Geschmack störte einen Moment lang seine Konzentration. Er strauchelte, fing sich jedoch sofort wieder.
Sie werden mich kriegen, durchzuckte es ihn. Und je länger sie dafür brauchen, desto größer wird ihre Wut sein, die sie dann an mir abreagieren.
Er wusste das. Aber was sollte er tun? Einfach stehen bleiben und das scheinbar Unvermeidliche geschehen lassen? Oder – ein geradezu lächerlicher Gedanke – sich zur Wehr setzen? Der Gewalt mit Gegengewalt begegnen?
Nein. Dann schon lieber weglaufen und sich zwischen den Glasbäumen und den Wassersträuchern verstecken. Er war bereits ziemlich gut darin, seine Körpertransparenz zu erhöhen, besser als die meisten anderen Schüler. Wenn er Glück hatte, gaben sie die Suche irgendwann auf und zogen ab.
Der Traklytenbewuchs wurde dichter. Das war in Waldnähe immer so. Die Glasbäume boten den dünnen Halmen einen guten Schutz gegen die Herbstwinde, die in dieser Gegend des Planeten ziemlich kräftig wehten. Gleich hatte er es geschafft.
»Da ist er!«, schrie jemand.
Das klang viel zu laut und viel zu nah – der Schreck fuhr Merkosh so heftig in die Glieder, dass sich die Muskeln in seinen Beinen versteiften. Diesmal gelang es ihm nicht mehr, das Gleichgewicht zurückzugewinnen. Er schaffte noch ein paar verzweifelte, staksende Schritte; dann schlug er unbeholfen auf den Boden.
Das weiche Gras bremste seinen Sturz. Trotzdem fuhr ihm ein scharfer Stich durch das rechte Handgelenk. Er hatte instinktiv versucht, sich mit den Armen abzufangen.
Hastig rappelte er sich hoch, rutschte aus, fiel erneut hin. Eine weitere Gelegenheit, seine Flucht fortzusetzen, bekam er nicht mehr. Er spürte, wie ihn jemand kräftig am Gürtel seiner Hose packte und nach oben zog.
»Na, wen haben wir denn da?«, hörte er die Stimme von Breknesh. »Wenn das mal nicht unser Alleswisser aus dem Land der Klugscheißer ist ...«
Gelächter ertönte. Wie immer war Breknesh nicht allein unterwegs. Merkosh wurde unsanft herumgedreht. Zwei weitere Oproner griffen sich seine Arme, bogen sie auf den Rücken und hielten sie fest. Er ignorierte das schmerzende Handgelenk, so gut er konnte, und versuchte sich zu befreien. Natürlich ohne Erfolg.
»Lasst mich in Ruhe!«, stieß Merkosh hervor, während die Tränen in seine Augen traten. Es waren Tränen des Zorns und der Scham. Seine Peiniger waren nicht nur in der Überzahl, sie waren zudem ausnahmslos stärker als er. »Ich habe euch nichts getan!«
»Wie solltest du auch?« Breknesh lachte spöttisch. Seine Kumpane stimmten sofort mit ein.
Merkosh kannte sie alle, die ganze Bande. Da war Enoshall, der seinen mangelnden Intellekt durch einen bemerkenswerten Einfallsreichtum kompensierte, wenn es um das Quälen und Demütigen anderer ging. Growaan und Kestebiik waren für Oproner überdurchschnittlich kräftig gebaut. Ihre akademischen Leistungen waren ähnlich bescheiden wie die ihrer Kameraden; das galt allerdings nicht, was das Verprügeln ihrer Mitschüler betraf. Wenn Raufen und Schikanieren Prüfungsfächer gewesen wären, hätten sie mit Auszeichnung bestanden.
Somanash hingegen war so still und zurückhaltend, dass sich Merkosh nicht zum ersten Mal fragte, wie er zu einem Teil dieser üblen Gruppe geworden war. Er passte so gar nicht zu Breknesh und seinen tumben Schlägern.
»Du kannst es aber gern mal versuchen, Alleswisser!«, rief der Anführer der Truppe. Er sah Merkosh mit breitem Grinsen an. In seinen Adern bewegte sich das Blut in schnellen, ruckartigen Schüben. Unter der milchig weißen Haut war das bereits gut zu sehen, zumal Brekneshs Haut keinerlei Zeichen oder Symbole aufwies. Das schnell schlagende Herz mit seinen sechs Kammern jedoch blieb nur ein diffuser Schatten im hinteren Brustbereich. Die für Oproner typische Körpertransparenz stellte sich erst um das elfte Lebensjahr herum ein.
»Na los!«, provozierte Breknesh weiter. »Du hast den ersten Schlag. Ich werde mich nicht wehren ...« Demonstrativ ließ er die langen Arme baumeln.
»Ich will mich nicht prügeln«, erwiderte Merkosh. »Nicht mit dir und auch mit keinem anderen. Warum kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen?«
Breknesh wiegte den Kopf, als denke er intensiv nach. Dann zuckte seine Faust blitzartig nach vorn. Merkosh spürte, wie seine Unterlippe aufplatzte. Sein Kiefer knackte; helles, fast transparentes Blut lief in seinen Mund. Hätten ihn Growaan und Kestebiik nicht festgehalten, wäre er auf der Stelle zusammengesackt.
Erneut kamen ihm die Tränen, diesmal vor Schmerz und Angst. Ihr salziger Geschmack breitete sich über Wangen, Kinn und Halsansatz aus. Das Blut in seinem Mund dagegen fühlte sich warm und zähflüssig an. Instinktiv spuckte er aus – und begriff im gleichen Moment, dass er damit sein Todesurteil unterzeichnet hatte.
Die nächsten Sekunden liefen wie in Zeitlupe ab. Die glasige Flüssigkeit flog als feine Tropfenwolke durch die Luft, so langsam, dass er einen Moment lang glaubte, nur die Hand ausstrecken zu müssen, um sie wieder einzufangen und die Katastrophe dadurch noch abwenden zu können. Aber er war wie gelähmt. Er konnte nichts tun, außer dazustehen und zu beobachten, wie sein Blut eine sanfte Parabel beschrieb, die kurze Reise auf Brekneshs Oberkörper beendete und dort ein Muster aus kleinen und größeren Punkten auf die Haut zeichnete.
Der Oproner machte einen Schritt rückwärts, als hätte ihn die Wucht des Treffers dazu gezwungen. In Wahrheit war es nur die Fassungslosigkeit, die Breknesh weichen ließ. Mit weit aufgerissenen Augen senkte er den Kopf und starrte auf seine fleckige Brust. Als er wieder aufsah und Merkosh fixierte, spiegelte sich abgrundtiefer Ekel in seinen Zügen, der sich einen Lidschlag später in maßlose Wut verwandelte.
»Dafür wirst du bezahlen, Alleswisser«, flüsterte Breknesh.
Merkosh wollte trotz des pulsierenden Schmerzes in seinem Kiefer etwas sagen, doch dazu kam er nicht mehr. Der nächste Schlag seines Gegenübers krachte so heftig gegen die rechte Kopfseite, dass sogar Growaan und Kestebiik ihre eisernen Griffe lockern mussten. Merkosh hob schützend beide Arme – und kassierte einen mörderischen Tritt in den Bauch. Mit einem Aufschrei ging er zu Boden.
»Los!«, forderte Breknesh seine Mitstreiter auf. »Macht ihn fertig!«
Als Merkosh wieder zu sich kam, wusste er zunächst nicht, wo er war. Eine Weile lag er einfach nur da und wünschte sich, tot zu sein. Sein Körper war ein Ozean aus Schmerzen, und jede noch so kleine Bewegung löste einen Orkan aus, der dessen Oberfläche zum Schäumen brachte. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis er sich halbwegs aufrichten konnte. Sofort erfasste ihn heftiger Schwindel, und er musste sich übergeben.
Dann kehrte die Erinnerung zurück. Der Geschmack nach Gras und Erde auf dem Rücken verriet ihm, dass er im weitläufigen Garten der Anlage lag. Breknesh und die anderen waren nach getaner Arbeit abgezogen und hatten ihn einfach zurückgelassen.
Merkosh bemühte sich, gleichmäßig zu atmen. Es war nicht das erste Mal, dass sie ihn verprügelt hatten, aber es war noch nie so schlimm gewesen. Vielleicht hatten sie ihn diesmal sogar wahrhaftig umbringen wollen. Es fühlte sich zumindest so an. Unter Opronern galt das Anspucken als die schlimmste aller Beleidigungen, und dabei war es gleichgültig, ob es mit Absicht oder ungewollt passierte.
Er brauchte vier Versuche, bis er sich einigermaßen auf den Beinen halten konnte. Die Gebäude der Anstalt schienen auf einmal Lichtjahre entfernt zu sein. Seine Augen tränten nach wie vor, sodass er sie in der Ferne kaum erkennen konnte.
Ahaiku stand bereits hoch am Himmel, also musste er mehrere Stunden bewusstlos gewesen sein. Das bedeutete, dass er mindestens zwei Lektionen verpasst hatte. Warum hatte man nicht nach ihm gesucht? Seine Abwesenheit musste doch bemerkt worden sein. Die Tutoren entschuldigten das Fehlen eines Schülers nur in Ausnahmefällen.
Langsam, ermahnte sich Merkosh in Gedanken. Schritt für Schritt. Atme mit dem Schmerz. Atme ihn aus dir hinaus.
Tatsächlich wurde es mit der Zeit ein wenig besser. Zu seiner Erleichterung war nichts gebrochen – zumindest soweit er das selbst feststellen konnte. Er war kein Mediziner und musste auf sein Gefühl vertrauen. Es tat höllisch weh, aber nicht so sehr, dass er fürchten musste, schwerere Verletzungen erlitten zu haben.
Zwanzig Minuten später erreichte er die Unterkünfte. Er hatte Glück. Die Lektionen des Vormittags liefen noch, sodass er keine anderen Schüler traf. Die kleine Zelle, die er sich mit Resotum teilte, war gleichfalls verlassen. Er ließ sich von der integrierten Medoeinheit verarzten und betrachtete sich in einem projizierten Spiegelfeld. Breknesh und seine Kumpane waren auf ihre ganz eigene Art und Weise schlau. Sie verursachten keine sichtbaren Spuren. Selbst die Schwellung von Merkoshs Unterlippe...
Erscheint lt. Verlag | 12.11.2020 |
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Reihe/Serie | Perry Rhodan Neo |
Verlagsort | Rastatt |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
Schlagworte | Neo • Perry Rhodan • Perryversum • Science Fiction |
ISBN-10 | 3-8453-5439-9 / 3845354399 |
ISBN-13 | 978-3-8453-5439-2 / 9783845354392 |
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