Grotesk
Goldmann Verlag (HC)
978-3-442-30130-0 (ISBN)
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Die 15-jährige Yuriko Hirata ist schön - überwältigend schön. An der Tokioter Eliteschule, die sie besucht, ist sie eine Berühmtheit, und kein Mann kann ihr widerstehen. Schon früh lernt sie, aus ihrem Aussehen Kapital zu schlagen und sich so auch dem unbarmherzigen Drill des Schulalltags zu verweigern. Sie lässt sich von dem Sohn eines Lehrers an Mitschüler verkaufen und ist schon bald bereit, jedes Tabu zu brechen, um ihre Macht über Männer auszuspielen, die sie im Grunde ihres Herzens hasst. Nach einer trügerischen Zeit des Erfolgs kommt jedoch der Tag, an dem sie sich eingestehen muss, nur mehr ein groteskes Monster zu sein, ein teuflisches Zerrbild ihrer selbst, das ein Leben im Elend führt. Als sie schließlich dem chinesischen Ganoven Zhang begegnet, erfüllt sich ihr Schicksal auf finstere Weise ... Wie Yuriko versuchen auch drei andere Frauen, sich den Spielregeln der japanischen Gesellschaft zu widersetzen. Doch nichts wird so unnachsichtig bestraft wie eine Frau, die sich nicht fügt.
Natsuo Kirino wurde 1951 in Kanazawa geboren und lebt seit ihrer Jugend in Tokio. Sie studierte Rechtswissenschaften an der Seikei University, bevor sie sich zu einer Karriere als Schriftstellerin entschloss. Mit ihrem Roman „Die Umarmung des Todes“ gelang ihr der große internationale Durchbruch. Ihre Bücher werden in neunzehn Sprachen übersetzt und mit renommierten Literaturpreisen ausgezeichnet.
Immer wenn ich einen Mann kennenlerne, ertappe ich mich dabei, dass ich mich frage, wie wohl unser Kind aussehen würde, wenn wir eins miteinander machten. Das ist mir inzwischen praktisch zur zweiten Natur geworden. Egal, ob der Mann hübsch ist oder hässlich, alt oder jung, ich habe ein Bild unseres Kindes vor Augen. Meine Haare sind hellbraun und fein wie Federn, und wenn seine kohlschwarz und grob sind, dann sage ich voraus, dass die Haare unseres Kindes perfekt in Textur und Farbe sein werden. Etwa nicht? Am Anfang male ich mir immer die bestmöglichen Varianten für diese Kinder aus, aber es dauert nicht lange, und ich beschwöre entsetzliche Visionen vom entgegengesetzten Ende des Spektrums herauf. Was, wenn seine struppigen Augenbrauen dicht über meinen Augen mit ihren ausgeprägten Lidfalten kleben? Oder wenn seine riesigen Nasenlöcher in meiner zierlichen Nase klaffen? Wenn seine knochigen Kniescheiben an meinen kraftvoll geschwungenen Beinen sitzen, seine viereckigen Zehennägel an meinen hoch gewölbten Füßen? Und während mir das alles durch den Kopf geht, starre ich Löcher in den Mann, sodass er natürlich davon überzeugt ist, ich wolle ihn anmachen. Ich weiß nicht, wie oft solche Begegnungen in peinlichen Missverständnissen geendet haben. Trotzdem ist meine Neugier letzten Endes immer stärker als ich. Wenn ein Spermium und ein Ei sich vereinigen, entsteht eine ganz neue Zelle, und ein neues Leben beginnt. Diese neuen Wesen betreten die Welt in allen möglichen Formen und Größen. Aber was ist, wenn sich Spermium und Ei bei der Vereinigung feindlich gesinnt sind? Würde das Geschöpf, das sie hervorbringen, infolgedessen nicht allen Erwartungen widersprechen und abnormal sein? Andererseits, wenn sie sich mit großer Zuneigung begegnen, wird ihr Nachwuchs noch prächtiger sein als sie selbst. Daran kann es keinen Zweifel geben. Aber wer kann jemals wissen, welche Absichten ein Spermium und ein Ei hegen, wenn sie einander begegnen? Bei solchen Gelegenheiten geschieht es, dass mir das Schaubild meiner hypothetischen Kinder in den Sinn kommt. Sie kennen diese Schaubilder: Man findet sie in Lehrbüchern für Biologie und Geowissenschaften. Erinnern Sie sich daran - an die Bilder von der hypothetischen Gestalt und den Eigenschaften eines ausgestorbenen Tiers, rekonstruiert auf der Grundlage von Fossilien, die tief in der Erde gefunden wurden? Fast immer bestehen diese Schaubilder aus farbigen Illustrationen von Pflanzen und Tieren, entweder im Meer oder vor dem Himmel. Tatsächlich war ich schon als Kind erschrocken über diese Illustrationen, weil sie das Imaginäre real erscheinen lassen. Es hat mir so sehr widerstrebt, solche Lehrbücher zu öffnen, dass ich mir angewöhnt habe, als Erstes die Seite mit diesen Schaubildern aufzuschlagen und genau zu betrachten. Das beweist vielleicht, dass wir anziehend finden, was uns Angst macht. Ich erinnere mich noch an die künstlerische Nachschöpfung der Fauna im Burgess-Schiefer. Das Schaubild fußt auf kambrischen Fossilien, die in den kanadischen Rockies gefunden wurden, und es ist voll von grotesken Kreaturen, die im Meer herumschwimmen. Die Hallucigenia kriecht durch das Sediment auf dem Meeresgrund, und aus ihrem Rücken wachsen so viele Stacheln, dass man sie für ihre Haarbürste halten könnte, und dann ist da die fünfäugige Opabinia, die sich um Steine und Klippen windet und schlängelt. Die Anomalocaris mit ihren großen, hakenförmigen Vordergliedmaßen streift durch die dunkle See auf der Suche nach Beute. Mein eigenes Fantasie-Schaubild ist diesem sehr ähnlich. Es zeigt Kinder, die im Wasser umherschwimmen - die bizarren Kinder, die ich bei meinen Phantomvereinigungen mit Männern produziert habe. Aus irgendeinem Grund denke ich nie an den Akt, den Männer und Frauen vollziehen, um diese Kinder zu erzeugen. In meiner Jugend machten meine Klassenkameradinnen sich lustig über Jungen, die sie nicht mochten, indem sie sagten: »Bei der bloßen Vorstellung, ihn anzufassen, bekomme ich Gänsehaut!« Aber daran dachte ich nie. Ich übersprang den Teil mit dem Geschlechtsakt und kam geradewegs zu den Kindern und der Frage, wie sie wohl werden würden. Vielleicht kann man sagen, ich bin in dieser Hinsicht ein bisschen eigenartig! Wenn Sie genau hinschauen, werden Sie sehen, dass ich »halb« bin. Mein Vater ist ein Schweizer polnischer Herkunft. Es heißt, sein Großvater war ein Minister, der in die Schweiz gegangen ist, um den Nazis zu entkommen, und dann dort gestorben ist. Mein Vater war Geschäftsmann; er hat westliche Süßwaren importiert. Das mag eindrucksvoll klingen, aber tatsächlich waren die Waren, die er importierte, Schokoladen und Kekse von minderer Qualität - billiges Knabberzeug, nichts weiter. Er mochte für diese europäischen Süßigkeiten bekannt sein, aber mich ließ er, als ich klein war, nichts von seinen Produkten essen. Wir lebten sehr sparsam. Unser Essen, unsere Kleidung und sogar meine Schulartikel, alles war Made in Japan. Ich war nicht auf einer internationalen Schule, sondern auf staatlichen japanischen Grundschulen. Mein Taschengeld war streng rationiert, und selbst das Haushaltsgeld, das meine Mutter bekam, entsprach nicht dem, was sie für angemessen hielt. Es war eigentlich nicht so, dass mein Vater sich dafür entschieden hatte, den Rest seines Lebens in Japan bei meiner Mutter und mir zu verbringen. Er war nur zu geizig, um etwas anderes zu tun. Er weigerte sich, Geld für irgendetwas Unnötiges auszugeben. Und natürlich war er derjenige, der bestimmte, was nötig war und was nicht. Ein Beispiel: Mein Vater hatte eine Berghütte in der Präfektur Gunma, wo wir die Wochenenden verbrachten. Er ging dort gern angeln oder legte einfach nur die Beine hoch. Zum Abendessen gab es traditionell Bigos, genau so zubereitet, wie er es gern hatte. Bigos ist ein polnisches Eintopfgericht nach ländlicher Art, aus Sauerkraut, Gemüse und Fleisch. Es zu kochen war meiner japanischen Mutter ein Greuel; daran gibt es kaum einen Zweifel. Als das Geschäft meines Vaters pleiteging und er mit der Familie in die Schweiz zurückkehrte, kochte meine Mutter, wie ich gehört habe, jeden Abend japanischen weißen Reis, und mein Vater machte jedes Mal ein finsteres Gesicht, wenn sie ihn auf den Tisch stellte. Ich blieb allein in Japan zurück, und deshalb weiß ich es nicht genau, aber ich habe den Verdacht, dass meine Mutter sich damit an meinem Vater für seinen Bigos rächte - oder, wenn ich es mir recht überlege, für seine geizige Selbstsucht.
Erscheint lt. Verlag | 5.5.2010 |
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Übersetzer | Rainer Schmidt |
Sprache | deutsch |
Original-Titel | Grotesque |
Maße | 135 x 215 mm |
Gewicht | 840 g |
Einbandart | gebunden |
Themenwelt | Literatur |
Schlagworte | Japan • Krimis/Thriller |
ISBN-10 | 3-442-30130-0 / 3442301300 |
ISBN-13 | 978-3-442-30130-0 / 9783442301300 |
Zustand | Neuware |
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
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