Die Mauer - Frederick Taylor

Die Mauer

13. August 1961 bis 9. November 1989
Buch | Hardcover
576 Seiten
2009 | 2. Auflage
Siedler, W J (Verlag)
978-3-88680-882-3 (ISBN)
29,95 inkl. MwSt
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Die Geschichte der Berliner Mauer - Das Symbol der deutschen Teilung


Beinahe dreißig Jahre stand die Mauer – sie spaltete ein Land, sie zerriss Familien, viele starben beim Versuch, sie zu überwinden. Frederick Taylor erzählt die Geschichte dieses Bauwerks, das nicht nur ein Symbol für den verlorenen Krieg und die daraus hervorgegangene Teilung Deutschlands, sondern auch ein Fanal der Unmenschlichkeit war. Ein eindringliches Buch über die Zeit des Kalten Kriegs und darüber, was der Eiserne Vorhang für das Leben der Menschen bedeutet hat.


»Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.« Der Zynismus dieses Satzes, den Walter Ulbricht wenige Wochen vor dem Mauerbau auf einer Pressekonferenz verkündete, wurde den Deutschen spätestens am 13. August 1961 bewusst. Am Morgen dieses Tages mussten die Bewohner Berlins feststellen, dass ihre Stadt über Nacht endgültig geteilt worden war. Soldaten der ostdeutschen Nationalen Volksarmee hatten die ersten Sperranlagen errichtet, die sich im Laufe der Zeit zum Symbol der deutschen Teilung, zur Berliner Mauer auswachsen sollten.


Frederick Taylor erzählt nun erstmals die vollständige Geschichte dieses unmenschlichen Bauwerks und lässt damit zugleich die deutsch-deutsche Nachkriegsgeschichte lebendig werden. Er rekonstruiert die Entscheidungen, die zum Mauerbau führten, beschreibt die Verzweiflung der plötzlich getrennten Familien ebenso wie die dramatischen Fluchtgeschichten, zu denen es an der Mauer immer wieder kam. Gestützt auf intensive Archivrecherchen und Augenzeugenberichte entwirft Taylor ein Panorama Berlins zur Zeit des Ost-West-Konflikts, als beide Teile Deutschlands auch immer ein Spielball im Kampf der Supermächte waren.


Frederick Taylor hat Neue Geschichte und Germanistik studiert und ist Fellow der Royal Historical Society. Die deutsche Geschichte kennt Taylor von mehreren Studienaufenthalten, die ihn bereits in den 1970er Jahren für längere Zeit in beide deutsche Staat

Es war an einem Wochenende im August 1961. Ich hatte eine glückliche Kindheit hinter mir und mit meinen 13 Jahren ohne allzu viele unangenehme Zwischenfälle die Schwelle der Adoleszenz erreicht. Jetzt jedoch hing eine Wolke über dem Horizont. Meinem Vater ging es nicht gut, ganz und gar nicht. Das Rauchen - sein einziges Laster, soweit ich wusste -hatte ihn bereits einen Lungenflügel gekostet. Nach der Operation anderthalb Jahre zuvor schien er sich gut erholt zu haben, aber in diesem Sommer wirkte er wieder schwach und erschöpft und hütete oft das Bett. Ich ging häufig hinauf, um ihm Gesellschaft zu leisten. An diesem Tag sprachen wir über einen Artikel in der Sonntagszeitung. Deshalb erinnere ich mich daran, dass es ein Wochenende war. Bedeutsame, irgendwie unheilvolle Dinge gingen vor in der Welt. Mein Vater hatte an jenem Abend einen schweren Herzanfall. Unsere Nachbarin, eine Krankenschwester, eilte herbei, und ich erhaschte durch die halb offene Schlafzimmertür einen Blick auf sie, wie sie auf seine Brust drückte, um ihn am Leben zu erhalten. Dann wurden wir nach unten geschickt. Der Arzt kam. Jemand schaltete den Fernseher ein, um uns zu beschäftigen. Flackernde Schwarz-Weiß-Bilder einer Großstadt. Wütende Menschen, Männer mit Gewehren und Stacheldraht. Vielleicht ein oder zwei Panzerspähwagen. Die Erinnerung ist etwas verschwommen, so wie die Bilder. Es ist lange her. Ich weiß immer noch nicht, ob der Entschluss, dieses Buch zu schreiben, etwas mit diesem Abend zu tun hatte. Aber für mich wird die Berliner Mauer stets nicht nur mit dem Zustand der Welt von damals und heute verbunden sein, sondern auch mit einem starken Gefühl von Abschied und Trennung. Der Tag, an dem sie gebaut wurde, markierte für mich wie für viele Millionen andere Menschen das Ende eines Lebensabschnitts und den Beginn eines neuen, schwereren. Mein Problem an jenem Tag war jedoch weder ökonomischer noch geographischer oder politischer, sondern rein privater Natur, und es hatte nichts mit Berlin zu tun. Mein Vater blieb noch einige Zeit im Obergeschoss. Ich sah ihn nur noch einmal, später am Abend, wieder durch eine halb offene Tür, diesmal diejenige zu meinem Schlafzimmer. Sanitäter trugen ihn auf einer Bahre über den Flur zur Treppe. Er war bei Bewusstsein und sah sich um. Er machte einen ernsten, aber gefassten Eindruck. Fast schien es, als sei er neugierig auf das, was mit ihm geschah. Im Krankenhaus erlitt er einen weiteren - dieses Mal tödlichen -Herzinfarkt. Es war der 14. August 1961. Tags zuvor, am Sonntag, war eine Vorform der späteren Berliner Mauer errichtet worden, die eine Großstadt teilte und Menschen voneinander trennte, Freunde von Freunden, Eltern von ihren Kindern, Brüder und Schwestern von ihren Geschwistern. Gleichzeitig war es auch der Tag, an dem ich von meinem Vater getrennt wurde. Das Hindernis, das ihn von mir trennte, war düster, geheimnisvoll und vor allem dauerhaft. Die Berliner Mauer war dagegen in keiner Weise geheimnisvoll. Sie war real und brutal. Es sollte sich erst noch herausstellen, dass sie nicht dauerhaft war, aber das konnte damals noch niemand ahnen. Als ich Berlin fast auf den Tag genau vier Jahre später zum ersten Mal besuchte, hatte ich ganz gewiss den Eindruck, als würde die Mauer bis an mein Lebensende bestehen bleiben. Ich war 17 Jahre alt und stand ein Jahr vor meinem Schulabschluss. Im Jahr vor dem Tod meines Vaters hatte ich begonnen, Deutsch zu lernen, und jetzt war ich auf einer Klassenfahrt in der Stadt, die geteilt worden war, als er starb. Ich erinnerte mich an die Bilder aus jener Nacht im Jahr 1961, auch wenn sich die Stadt, als ich sie wirklich sah, ganz in Farbe präsentierte und keineswegs so verschattet und bedrückend wirkte wie ein Horrorfilm aus der Stummfilmzeit, wie ich sie mir seltsamerweise vorgestellt hatte. Stattdessen unterschied sie sich nicht allzu sehr von London. Es war allerdings ein London mit wesentlich mehr Bomben- und Granatenlöchern und mit einer quer durch die Stadt verlaufenden Zement- und Stacheldrahtsperre, die immer noch improvisiert und wacklig aussah. Das Hotel, in dem wir untergebracht waren - es handelte sich wohl eher um eine Jugendherberge -, befand sich an einer Ecke des ehemals ziemlich prächtigen, dann aber weitgehend zerstörten und noch nicht wieder aufgebauten Askanischen Platzes im West-Berliner Bezirk Kreuzberg. Dem Hotel gegenüber stand die Ruine der Eingangsfront des Anhalter Bahnhofs; der Rest der einst größten Berliner Eisenbahnstation war dem großen amerikanischen Luftangriff am 3. Februar 1945 zum Opfer gefallen. 200 Meter weiter zog sich die Mauer hin, und der Checkpoint Charlie war bequem zu Fuß zu erreichen. In der Nähe des Hotels stand eine Holzplattform, auf die man über eine Treppe hinaufsteigen konnte, um einen Blick in den "Osten" zu werfen. Man sah damals allerdings hauptsächlich ramponierte und größtenteils ungenutzte Regierungsgebäude in der Leipziger und der Wilhelmstraße. Heute weiß ich, dass dies das "Regierungsviertel" war, mit Hermann Görings berühmtem Luftfahrtministerium als einem der herausragenden Bauwerke. Das in den dreißiger Jahren errichtete Gebäude sah schlimm aus, so leer und verwaist und vom Krieg gezeichnet. Zwischen den Pflastersteinen und auf den verkehrsfreien Straßen wuchs Unkraut. Ich glaube, wir waren ungefähr ein Dutzend Jungen und Mädchen. Die Leitung lag bei unserem liebenswürdigen Deutschlehrer, Mr. Kitson, und bei einem fröhlichen jungen Studenten aus Österreich, der die Angewohnheit hatte, beim Gehen eine Melodie zu summen und hin und wieder einige Tanzschritte einzulegen. Wenn ich mich richtig entsinne, war es irgendeine geförderte politische Bildungsreise. Ich weiß noch, dass ich erstaunt war, wie wenig die Menschen dem Stereotyp des "Deutschen" aus den Kriegs- und Nazifilmen glichen. Man sah nur wenige Uniformen, dafür viel Freizeitkleidung; die Deutschen waren etwas blonder und rotgesichtiger als die meisten Briten, ansonsten aber erstaunlich, um nicht zu sagen enttäuschend normal. Und soweit ich es mit meinen immer noch begrenzten Deutschkenntnissen verstand, besaßen sie einen frechen, vorlauten Humor, nicht unähnlich dem der Cockneys in London. Wir wurden in ein echtes Berliner Kabarett geführt. Eine der Nummern war ein "Schulmädchen"-Lied, das von drei Schauspielerinnen in durchsichtigen Regenmänteln und hochhackigen Schuhen vorgetragen wurde, die angeblich in der Augsburger Straße arbeiteten.

Erscheint lt. Verlag 9.1.2009
Übersetzer Klaus-Dieter Schmidt
Sprache deutsch
Original-Titel The Berlin Wall
Maße 150 x 227 mm
Gewicht 914 g
Einbandart gebunden
Themenwelt Sachbuch/Ratgeber Geschichte / Politik Zeitgeschichte ab 1945
Schlagworte Berliner Mauer • DDR, Deutsche Geschichte, Deutschland
ISBN-10 3-88680-882-3 / 3886808823
ISBN-13 978-3-88680-882-3 / 9783886808823
Zustand Neuware
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