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Vorwort


Ais ich vor ein, zwei Jahren in Irland eintraf, um wieder einmal einige Seehundgebiete im Westen zu besuchen, erzählte mir ein Freund in Dublin, der Fitzwilliam Square sei gerade als Park eröffnet worden. "Sieh ihn dir an", sagte er, "bevor die Gärtner mit ihren Tulpen anrücken." Von einem Hügel aus konnte ich die Häuser zwischen herrlich ungepflegten Bäumen nur gerade so erkennen. Das Gras war gemäht, glich aber eher einer Wiese als einem Rasen, und es gab reichlich wilde Blumen und Vögel. Seit ich vor nahezu dreißig Jahren dieses Buch geschrieben hatte, war ich nur noch selten im Westen Irlands gewesen, und ich fürchtete, da ich glaubte, viel müsse sich verändert haben, dass die Kulturgärtner mit der Betonsymmetrie, die ihnen folgt, womöglich schon dorthin gelangt waren. Das ist nicht geschehen, aber vielleicht ist es dennoch wahr, dass ich, als ich Ende der vierziger Jahre den westlichen Rand Europas von den Shetland-Inseln bis zur Küste von Kerry erforschte, gerade noch rechtzeitig kam, um die Erzählungen und Gesänge der vorchristlichen Kultur zu hören.

Schon damals wurden junge Leute, die die alten Lieder noch mochten und sangen, unruhig, wenn ihre Eltern ihnen traditionelle Geschichten erzählten, wie sie in diesem Buch aufgezeichnet sind, genau wie Kinder es werden, wenn man ihnen erzählt, was sie sagten, als sie klein waren. Schon da wurde die Verbindung zu ihren Ahnen, die Weitergabe von Geschichte, Genealogie, Sage und Glaube durch mündliche Überlieferung, zunehmend schwächer, so wie heute Fertigkeiten wie Seilen oder Strohdecken. Und soweit ich erkennen kann, gibt es heute mit Ausnahme von Religion und Sprache keine direkte kulturelle Verbindung mehr mit der Vergangenheit. Nur die traditionelle Musik hat überlebt und ist neu belebt worden. Neue Schülergenerationen lernen in der Schule Flöte oder Fiedel spielen. Sie mögen die alten Lieder und singen sie auch, aber sie lernen sie zumeist von Aufnahmen, was, wie ich mir habe sagen lassen, eine Uniformität schafft, die ihren Großeltern fremd war, die kein Lied zweimal auf dieselbe Weise sangen. Geschichten sind nicht mehr zu hören und werden auch nicht mehr vom Vater auf den Sohn weitergegeben. Ich besuchte die Seehundgebiete während der Jahre des Übergangs und wusste schon da, dass manche Geschichtenerzähler durch den Kontakt mit der Industriegesellschaft Hemmungen hatten, sich vor ihren eigenen Kindern auszudrücken. Bereitwilligere Zuhörer fanden sie unter Fremden, und Fremde gab es wenige; mangelnder Komfort, das raue Wetter, kärgliches Essen und nicht vorhandene Verkehrsverbindungen hielten Urlauber fern.

Hemmungen mir als Fremdem gegenüber beeinträchtigten dieses Buch nur in einer Hinsicht Viele baten mich, sie darin nicht mit Namen zu nennen, und häufig wollten sie mir eine Geschichte erst erzählen, wenn ich ihnen versprach, die Namen der darin erwähnten Familien zu ändern, manchmal sogar den Namen des Ortes. Das bedaure ich, aber ich habe meine Versprechen gehalten. Ich glaube, dass diese Bitte mehr beinhaltete als die normale Befürchtung, Familiengeheimnisse auszuplaudern, dass sie Zeichen einer sich wandelnden Haltung war, denn viele der alten Geschichtenerzähler nannten bereitwillig die wirklichen Namen. Zurückgehalten wurden sie von ihren jüngeren Freunden - von denen, die die alte Tradition zunehmend befangen machte. In der Unterhaltung dagegen, die einer Geschichte häufig folgte, zeigten diese jüngeren Leute keine Scheu. So sprachen sie beispielsweise von intuitiven Wahrnehmungen wie dem zweiten Gesicht ohne den geringsten Zweifel.

Natürlich habe auch ich mich verändert Als ich die Geschichten zum ersten Mal hörte, war ich auf eine schlichte Weise erleuchtet Sie gefielen mir allein um ihrer selbst willen, und ich hoffe, auch die Leser werden sie so mögen. Seitdem habe ich Analysen und Interpretationen gelesen und gelernt, dass die Seehundmotive in anderer Form, mit anderen Tieren als zentraler Gestalt auf der ganzen Welt verbreitet sind. Manche haben darin eine religiöse Symbolik gesehen. Andere haben auf ihre psychologische Bedeutung hingewiesen. Doch das hat meine ursprüngliche Freude daran nicht geschmälert Es hat sie sogar noch vergrößert Denn alles große Geschichtenerzählen, das mündliche wie das schriftliche, enthält vielerlei Bedeutungsschichten, und je älter man wird, je mehr reales und imaginatives Leben man erfährt, desto tiefer dringt man darin ein.

Was die Seehunde selbst angeht, so kann keine wissenschaftliche Studie ihr Rätsel lösen. Auch Landtiere spielen ihre Rolle in der Sage, aber keines, nicht einmal der Hase, hat eine solch traumartige Wirkung auf den menschlichen Geist; auch wenn viele Tiere einen Ort in unserem Unbewussten wie auch in den alten Erzählungen mit ihm teilen, ist der Seehund in der Sage einzigartig. Stellen Sie sich vor, Sie wandern über seine einsamen Strande, erklimmen seine Felsen in dem Wissen, dass das Meer vor Ihnen sich ungebrochen bis nach Amerika erstreckt, dass die Menschen über Tausende von jähren das glaubten, was Sie jetzt empfinden - dass Sie am äußersten Rand der Welt stehen -, und wenn bis auf die Wellen und die Vögel alles still ist, hören Sie einen alten Mann ächzen. Sie drehen sich nach dem Geräusch um, und es ist ein Seehund, der die Wasserfläche durchbrochen hat, um Luft zu holen, und sehr oft wird er, wenn er Sie sieht, mit dem ganzen Leib herauskommen und auch Sie anstarren, um die Gefahr abzuschätzen oder aus reiner Neugier - und dann lautlos wieder verschwinden. Und wenn Sie die Felsen nach ihnen absuchen, weil sie sich ja gern in die Sonne legen, werden Sie glauben, es sind keine da, bis einer Sie wahrnimmt und es platscht, und Sie sehen das, was Sie für einen Felsen gehalten haben, ins Meer platschen. Es platscht noch mehrmals - die anderen folgen; meist kommen sie zu viert oder fünft an Land. Wie ein Mann von South Uist mir bei meinem letzten Besuch auf der Insel 1979 sagte: "Wenn Sie auf die Felsen blicken, glauben Sie, es sind keine Seehunde darauf, aber sie sind trotzdem da." Ein junger Mann sagte: "Sie sind in Massen da. Wir stören sie nicht Wir lassen sie in Ruhe."

Überall, wo der graue Seehund seit Generationen gelebt hat, sind Orte nach ihm benannt Seal Bay, Seal Strand, Seal Skerries oder Rocks, Beach of Seals, Seal Place. Und bei jedem meiner Besuche war die Wildheit dieser Orte ungezähmt. Die Menschen, die seit Generationen neben ihnen her leben, haben es ein wenig bequemer als ihre Eltern und Großeltern, die mir den Gehalt dieses Buchs geschenkt haben; die meisten haben fließend Wasser im Haus und alle, bis auf wenige Ausnahmen, Strom aus Wasserkraftwerken. Auf den Strom folgte das Fernsehen, das die Art ihrer Freizeitgestaltung grundlegend verändert hat Sogar diejenigen, die selbst kein Gerät besitzen, werden von den bunten Fetzen daraus beeinflusst, von den sprunghaften, schnell vergessenen Spaß- und Informationsspritzern, die die Oberfläche eines beständigen alten Stroms aufgerührt haben. Nichts aber hat das Wesen der Menschen verändert, die in Irland von Reisenden schon seit dem 17. Jahrhundert, in Schottland von Defoe und selbst Dr. Johnson gerühmt worden sind. Es sind ernste Menschen, in dem Sinn, wie die Franzosen das Wort sérieux verwenden. Sie haben eine ehrenwerte, besonnene, liebenswürdige Art Wo sonst würde ein Fremder auf einen Fährmann treffen, der seinen Fahrgästen den halben Preis berechnet, weil sie wegen Nebels vierundzwanzig Stunden haben warten müssen? Das passierte mir 1979 in Ludag auf South Uist auf meinem Weg nach Barra. Ich hatte zu meiner zwei Kilometer entfernten Unterkunft zurückkehren müssen, und die Frau des Bauern wollte mir auch nicht die zusätzliche Übernachtung berechnen. "Schließlich hatten Sie doch gar nicht vor zu bleiben", sagte sie.

In den meisten Seehundgebieten leben heute mehr Menschen als in den zwei Dekaden nach dem Krieg. Neue Industrieansiedlungen und schnellere Verkehrsmittel haben es den jungen Leuten ermöglicht, in einiger Entfernung zu arbeiten und zu Hause zu leben, und zusammen mit der modernen Ausstattung des Haushalts, darunter auch der Fernsehapparat, hat das viele bewogen, zurückzukehren oder zu bleiben.

"Sprich nicht", sagte der Prediger, der Sohn Davids: "Was ist's, dass die vorigen Tage besser waren als diese?" Und an anderer Stelle sagt er: "Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde bleibt aber ewiglich. ... Alle Wasser laufen ins Meer, doch wird das Meer nicht voller; an den Ort, da sie herfließen, fließen sie wieder hin."


David Thomson
Juli 1979