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Vorwort


Wenn Kinder nach ihren Erfahrungen in Familientherapien gefragt werden, sind ihre Antworten häufig nicht gerade schmeichelhaft für ihre Therapeutinnen und Therapeuten: Viele erleben sich als Objekt des Gespräches und sehen ihre persönlichen Wünsche und Bedürfnisse wenig wahrgenommen. Dies dürfte in anderen Bereichen des psychosozialen Feldes oft nicht viel anders sein. Denn die Sicht auf das Kind als Objekt, das es "richtig" zu erziehen, zu betreuen oder zu therapieren gilt, damit es (wieder) "richtig" wird, hat eine Tradition von mehreren Jahrhunderten.

Jim Wilson stellt dem eine sehr andersartige Sichtweise gegenüber. Er schaut auf das Kind als Subjekt, auf einen autonomen Menschen mit eigenen Ideen, Wünschen und Anliegen, mit eigenen Denk- und Handlungsmustern und mit eigenen Verarbeitungs- und Lösungskompetenzen. Sein Buch handelt in allen Kapiteln von dem Bemühen, Zugang zum Kind zu gewinnen und mit dem Kind zu arbeiten, gleichzeitig den systemischen Blick auf den familiären und weiteren Kontext jedoch nicht zu verlieren. Jim Wilson zeigt, was es bedeutet, systemische Therapie, systemische Beratung oder systemische Fürsorge und Betreuung aus einer kindorientierten Perspektive zu machen.

Einige Begriffe ziehen sich durch alle Kapitel des Buches, beispielsweise: Kooperation. So zeigt Jim Wilson viele Beispiele auf, wie es möglich ist, das Kind als Kooperationspartner zu gewinnen. Er verweist auf die Notwendigkeit, ein gutes Gefühl für das Tempo des Kindes und damit für das zeitliche Vorgehen zu entwickeln. Und er zeigt, wie wichtig es ist, sich vor den eigenen schnellen Urteilen zu schützen und sich keine allzu starren Vorstellungen von dem zu bilden, was war, was ist und was sich entwickeln kann.

Hier schließt sich ein weiterer zentraler Begriff für Wilsons Arbeit an, nämlich der der Neugierde. Sehr anschaulich vermittelt der Autor, wie es durch eine Haltung der Neugierde möglich wird, jedes Kind und seine Bezugspersonen in ihrer einmaligen Eigenart wahrzunehmen. Er demonstriert, wie sich aus echtem Interesse dann Fragen und Vorschläge entwickeln, die gute Chancen haben, neue Ideen und neue Sichtweisen bei dem Kind und seinen Angehörigen anzuregen, die weniger einengend und einschränkend sind.

Eng verbunden mit einem kooperativen Stil der Zusammenarbeit ist der nächste Begriff: Offenheit. Jim Wilson räumt ein, dass die Forderung nach Offenheit hinsichtlich der Kommunikation gegenüber allen in einem Fall Beteiligten eine keineswegs immer einfache Aufgabe ist, dass sie aber unerlässlich ist für ein gutes Arbeitsbündnis im Gesamtsystem. Sie wird erleichtert - und auch dies zieht sich durch das gesamte Buch - durch eine Haltung des Respekts nicht nur dem Kind, sondern allen Beteiligten gegenüber, die es möglich macht, die Ressourcen der verschiedenen Mitglieder des "Problemsystems" wahrzunehmen und zu nutzen. Mit Hoffman fordert er auf, sich von Defizitmodellen zu verabschieden, die den Therapeuten dazu verleiten, mit einer Haltung des "Von-obenherab" (practise down) zu arbeiten und zu Kompetenzmodellen überzugehen, die zu einer "aufschauenden Praxis" (practise up) inspirieren.

Jim Wilson hat ein Buch voll wunderbarer Gegensätze geschrieben: Es ist ein Praxisbuch par excellence, aber es geht vor allem um Einstellungen und Haltungen. Der Autor zentriert auf den Umgang mit Kindern als Individuen, aber er verliert nie den Kontext seines Beziehungssystems aus den Augen. Er fordert dazu auf, sich für die Kommunikation mit Kindern kompetent zu machen, aber es scheint weniger der optimal trainierte Therapeut oder Betreuer das ideale Ziel zu sein, sondern vielmehr derjenige, der Mut zum Experimentieren und Vertrauen in seine Intuition im Augenblick der Begegnung mit dem Kind hat.

Jim Wilson regt den Leser zum Mutigsein an (auf die Gefahr, dass "Patzer" geschehen), zum Sicheinlassen auf die eigene Fantasie, zur Erweiterung der eigenen Möglichkeiten. Seine Botschaft lautet: Wer sich aus der Enge und den Zwängen ordentlich gelernten therapeutischen Verhaltens befreit und sich gegenüber den eigenen fantasievollen Ideen öffnet, der ist der Sprache der Kinder schon sehr nahe. Wem es dann auch noch gelingt, auf die Kinder zu hören, ihre Interessen wahrzunehmen, ihre Stärken anzusprechen sowie ihre Metaphern und Medien zu nutzen, dem dürfte es nicht mehr schwer fallen, Kinder - und auch ihre Eltern - zu einer aktiven Mitarbeit in Therapie und Beratung zu gewinnen.

Zu Recht weist Jim Wilson darauf hin, dass er sich mit seinen Ideen und Vorschlägen nicht nur an Familientherapeuten und Familienberater wendet. Tatsächlich ist das Buch eine Fundgrube für alle Praktiker, die in unterschiedlichen Settings mit Kindern und ihren Familien zu tun haben und ihr Repertoire an Möglichkeiten erweitern möchten, um sie in eine effektive Praxis umzusetzen.

Wilhelm Rotthaus