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Vorwort


Wer mit illegalen Drogen experimentiert, wird nicht automatisch zu einem späteren Zeitpunkt abhängig sein. Diese Unterstellung wird häufig vertreten, implizit oder explizit; zumindest die Konsumenten bestimmter Substanzen scheinen per se der Abhängigkeit verdächtig. Sie wird jedoch von der Zahl derer widerlegt, die ihren Konsum entweder dauerhaft kontrolliert gestalten oder ihn nach mehr oder weniger ausgedehnter Substanzapplikation beenden, ohne jemals mit formellen Instanzen, die offiziell Abhilfe schaffen sollen, in Kontakt gekommen zu sein. Dies gilt auch für neuere synthetische Substanzen, die in dieser Arbeit schwerpunktmäßig zur Exemplifikation herangezogen werden, ohne dass die folgenden Erörterungen primär auf diese bezogen wären.

Warum nehmen Menschen, insbesondere Jugendliche, Drogen und warum gelten manche als abhängig, während andere kaum Probleme im Umgang mit ihnen zeigen? Liegt dies an einer z.T. von Anfang an pathologischen Motivation zum Konsum? Warum werden bestimmte Substanzen als "Drogen" interpretiert und ihre Verwendung differentiell als Problem zugerechnet? Die vorliegende Arbeit widmet sich derartig grundlegenden Fragestellungen, freilich ohne den Anspruch einer erschöpfenden Antwort, aber mit der Perspektive einer Klärung und theoretischen Weiterentwicklung des bisher erreichten Kenntnisstandes. Will man dabei der Gefahr widerstehen, Individuum und Gesellschaft als getrennte Entitäten gegeneinander auszuspielen - und damit eine soziologische Drogen- und Suchtforschung gegen eine psychologische -, so haben Antworten an Menschen als sozialen Wesen und an Drogenkonsum als sozialer Handlung anzusetzen und in jeder Stufe einer möglichen Drogenkarriere ist Bezug zu nehmen auf die "sozialen Determinanten des Drogengebrauchs" (Reuband 1994). Auch unabhängig von seiner Theorie des Zivilisationsprozesses ist Norbert Elias zuzustimmen, wenn er postuliert, es sei angezeigt, "die Unzulänglichkeit beider Vorstellungen, der Vorstellung eines Individuums außerhalb der Gesellschaft und die einer Gesellschaft außerhalb der Individuen gleichermaßen deutlich zu machen" (1997a, 54).

Die Annäherungen an die Thematik setzen an genau dem Punkt an, der das Verhältnis des Einzelnen bzw. von Gruppen zur Gesellschaft thematisiert: an der Konstitution sozialer Ordnung und den Wegen und Mechanismen sozialer Integration. Bereits die damit bezeichnete Prozesshaftigkeit gewinnt eine dynamische Perspektive auf Drogenkonsum und -abhängigkeit, die nicht als statische Größen oder als individuelle Erscheinungen zu identifizieren sind. Sie können nur in Auseinandersetzung mit den basalen Anforderungen verstanden werden, die in gegenwärtigen Gesellschaftsformationen an die Handlungs- und Subjektqualitäten des Einzelnen gestellt werden. Damit kontrastiert die vorliegende Arbeit Trends zur "Biologisierung des Sozialen?" (Sozialistisches Büro 1999), die gerade in der Suchtforschung nicht selten zu finden sind, und verweist im Gegenteil auf die erst durch Ordnungsherstellungen generierte Qualifikation von Handlungs- und Bewusstseinsformen als Devianz.

Da die chemisch-pharmakologischen Effekte von Substanzen keine entscheidende Rolle bei den folgenden Erörterungen spielen, wird auf eine Darstellung der Wirkungsspektra einzelner Stoffe verzichtet. Es sei ergänzend auf entsprechende Nachschlagewerke verwiesen, die z.T. ausführlich derartige Aspekte behandeln (z.B. Schmidbauer/Scheidt 1999; Geschwinde 1996; Kähnert 1999a; Klein 1982; Tretter 2000).

Ohne vielfältige Unterstützung und Kritik hätte diese Arbeit nicht realisiert werden können. Danken möchte ich Prof. Dr. Detlev Frehsee, der mir bis zu seinem Tode kritischen Rat zuteil werden ließ, Prof. Dr. Siegfried Lamnek sowie Prof. Dr. Dr. h.c. Claus Mühlfeld. Danken möchte ich ferner der Hanns-Seidel-Stiftung e.V., meinen Interviewpartnern, der psychiatrischen und der drogentherapeutischen Einrichtung, die mir Zugang gewährten, außerdem Christiane Schwab, Monika Rickert, Heike Müller, Frank Krosta, Silke Klemt, Sabine Daum sowie meiner Familie. Zudem danke ich der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (DHS) für die Förderung dieser Publikation.