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Vorwort Seit einigen Jahren führt das Zentrum für Versorgungsforschung der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln, insbesondere die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen Elke Driller und Ute Karbach unter der Leitung von Prof. Dr. Holger Pfaff, in Kooperation mit dem Seminar für Sozialpolitik der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln, hier insbesondere meine wissenschaftliche Mitarbeiterin Saskia Alich unter meiner Leitung, empirische Forschungsprojekte für den Brüsseler Kreis durch. Der Brüsseler Kreis ist eine Interessengemeinschaft von Sozialunternehmen, die im breiten Formenspektrum der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen tätig sind. Die Forschungsfragestellungen drehen sich im Kern um die Frage der Alterungsprozesse von Menschen mit Behinderungen und der Entwicklung ihrer Netzwerke, um die Frage der deshalb notwendigen Wandlungen der Angebotsformen des Lebens, Wohnens und Arbeitens, des Betreuens und Versorgens und leiten so strategische Fragen zur sozialwirtschaftlichen Unternehmenspolitik in einem immer stärkeren Marktbezug ein. Die wesentlichen Ergebnisse dieser ersten Forschungsaufträge sind in Krüger & Degen (2006) nachzulesen, jetzt bereits in einer zweiten Auflage.' Eine zweites empirisches Projekt (INA-Studie), das methodisch hinsichtlich der Entwicklung von Erhebungsinstrumenten mit validierten Skalen erheblich aufwendig war, vertieft diese Fragenkomplexe im Rahmen von Primärerhebungen in Einrichtungen von Sozialunternehmen des Brüsseler Kreises. Es geht um die Inanspruchnahme und um die Perspektiven eines Wandels der Angebotsstrukturen der Behindertenhilfe unter Berücksichtigung der Entwicklungen der Netzwerkpotenziale alternder bzw. bereits älterer/alter Menschen mit Behinderungen.2 Wie im ersten Forschungsprojekt so war auch in dieser INA-Studie der Verfasser zusätzlich mit einer speziellen Expertise beteiligt, die nunmehr hiermit publiziert wird. Sie war im Herbst 2006 abgeschlossen worden und ist dem Vorstand des Brüsseler Kreises im November präsentiert worden und hat Eingang gefunden auf einer Fachtagung der Josefs-Gesellschaft, einem Mitglied des Brüsseler Kreises (Schulz-Nieswandt, 2007d).3 Der Titel der Expertise lautete "Der soziale Sektor der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen im Wandel. Eine strategische Analyse im Auftrag des Brüsseler Kreises". Diese Expertise liegt hier in nur leicht korrigierter Form und mit wenigen Erweiterungen der Literaturbasis unter einem Buchmarkt-orientiert veränderten, wohl verbesserten Titel vor. Gerade diese Schriftenreihe "Mensch und Sozialordnung in der EU" scheint der richtige Ort für die Publizierung zu sein. Die europarechtlichen und -politischen Bezüge sind eng; aber es geht im Kern auch um die gesellschaftlichen Bedingungen menschlicher Existenz, um die Chancen auf Personhaftigkeit von Menschen mit Behinderungen als sozialpolitische Gestaltungsaufgabe. Das ganze zielorientierte Spannungsverhältnis, um das es in der Expertise geht, deutet der Untertitel an: Exogen setzt das Europarecht immer mehr deutliche Rahmenbedingungen für soziale Dienstleistungserstellung, endogen generiert die deutsche Politik bereits seit geraumer Zeit neue Steuerungsmechanismen, die ebenfalls wie das EU-Recht stärker marktoffen und wettbewerbsorientiert sind. Und schließlich fokussieren diese exogenen und endogenen Wirkkräfte im Leitbild von Empowerment: Mehr Autonomie für den der Hilfe bedürftigen Menschen. Doch wird Gesellschaft und Politik Acht geben müssen, dass diese anthropologische Performance nicht zur flachen Kundenideologie verkümmert. Trotz des Paradigmenwechsels, der hier zum Ausdruck kommt, bleiben komplizierte Fragen der bedarfsorientierten Ressourcensteuerung, bleiben tiefgründige Erkenntnisse der Ambivalenz von Hilfe und Kontrolle, Autonomie und Abhängigkeiten, von Bedürftigkeit, Würde, (gegenseitigem) Respekt, von Gabe, Geben und Nehmen, von Selbstständigkeit und Selbstverantwortung, aber auch von Mitverantwortung und Annahme von Fremdhilfe bestehen (vgl. dazu umfassend Schulz-Nieswandt, 2008; ansatzweise bereits in ders., 2006b sowie in ders., 2007c). Weitgehende Erweiterungen und Vertiefungen, die leicht möglich sind, aber von der Sachlage und daher unter dem zentralen Aspekt des Erkenhtnisgewinns jedoch nicht erforderlich waren, sind unterblieben. Zumal 2008 eine sehr umfassende Monographie des Verfassers zum "Wandel der Medizinkultur" (in der Schriftenreihe der "Gesellschaft für Sozialen Fortschritt") das Thema in komplex-mehrschichtiger Analysestruktur trans-sektoral (und SGB V, IX und XII umfassend) fortführen wird (Schulz-Nieswandt, 2008).4 Dem Brüsseler Kreis ist besonders zu danken für die fruchtbare Zusammenarbeit. Die Forschungsfragen ebenso wie die Umsetzung in ein Forschungsdesign wurde interaktiv über eine Reihe von Workshops generiert. Die ganze mehrjährige Forschungsarbeit war sehr angenehm. Und ertragreich, wie an den angeführten Publikationen abzulesen ist. Die Publikationen im Lambertus-Verlag sind umfassend vom Brüsseler Kreis finanziell ermöglicht worden. Die Zusammenarbeit des Kooperationsteams aus medizinsoziologischer und sozialpolitikwissenschaftlicher Forschung der beiden Kölner Fakultäten mit dem Brüsseler Kreis wird weitergehen. Aus dieser inter-disziplinären Zusammenarbeit ist nicht nur eine Freundschaft der beiden Instituts bzw. Seminardirektoren entstanden. Es war vor allem auch eine Freude, die außerordentliche Forschungskompetenz unserer wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen (Sakia Alich [anfangs noch Wölbert], Elke Driller und später auch Ute Karbach) sich entwickeln und schließlich im Forschungsertrag dokumentiert zu sehen. Forschungskompetenz wurde hier ergänzt mit viel Organisationstalent und sozialer Kompetenz. Elke Driller hat nunmehr die Dissertation eingereicht, Saskia Alich und Ute Karbach werden folgen. Frank Schulz-Nieswandt, Köln, Ende August 2008
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