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VORWORT



Ernst Theodor Amadeus Hoffmann gilt zwar als ein Vertreter der Romantik, dennoch ist seine Einordnung in eine fest umrissene Epoche fragwürdig. Dies liegt daran, dass er als vielseitiger Künstler - Dirigent, Komponist, Bühnenbildner und Zeichner - von unterschiedlichen Seiten aus erfasst werden kann: Neben Klaviersonaten, einem Harfenquartett, einer Symphonie oder geistlichen und weltlichen Werken für Chor und Orchester schuf er Bühnenmusiken sowie die Opern Aurora und Undine in einem Stil, der allerdings seine Stellung zwischen Mozart und Beethoven nicht verleugnen kann.

In seinen Dichtungen beweist Hoffmann stärkere Eigenständigkeit. Dabei ragen einerseits fantastische, alle Grenzen sprengende Ereignisse heraus, etwa, als sich der Archivarius Lindhorst im Goldenen Topf vor den Augen des staunenden Anselmus in einen merkwürdigen Vogel verwandelt und zum Fenster hinausfliegt. Andererseits herrscht bei ihm ein Realismus vor, dessen genaue und damit ernüchternde Sichtweise jegliche Verzauberung verhindert. Die Verschmelzung von Fantastischem und Wirklichem in Sinne des "fantastischen Realismus" bewirkt somit den besonderen Reiz seiner Werke. Diese scheinbar widersprüchliche Blickrichtung Hoffmanns ist jedoch stets auf das Außergewöhnliche gerichtet, wodurch die Alltagswelt eine neue, herausgehobene Qualität gewinnt und das Unheimlich-Gespenstische oder das Groteske zum eigentlichen Handlungsträger aufsteigt. Damit kann er innere Konflikte aufzeigen, die seinen Dichtungen zusätzliche Spannung verleihen.

So gewinnt seine Kennzeichnung der Menschen eine weitere Sicht: Nicht der in Natur, Musik oder Traum gefangene Mensch, sondern der in seelischen Konflikten, in Spannungen zwischen Edelmut und Verbrechen oder der gegen undurchsichtige Kräfte kämpfende Mensch wird zum Mittelpunkt seiner Welt. Hoffmanns Gestalten leben im Gegensatz zu denen seines zwei Jahre jüngeren Dichterkollegen Eichendorff überwiegend in äußeren und inneren Spannungsfeldern. Sogar bei seinen vordergründig harmlosen Märchenwelten bewahrt er stets das Doppelbödige aller Personen. Wichtige Ereignisse finden in der Nacht statt oder werden in der Dunkelheit vorbereitet. Daher sind seine Gestalten bizarr und teilweise schwer zu identifizieren, sie treten wie Sonderlinge auf, sind mitunter Doppelgänger oder verwandeln sich unversehens. Zusätzlich verwendet Hoffmann Parallelen zwischen Mensch und Tier, tauscht diese in ihren Rollen aus und schafft damit die Möglichkeit, den Blickwinkel zu ändern. Dennoch bewegen sich seine Figuren weniger in der Natur als in Gassen großer Städte, wobei sie sich oft in Auseinandersetzungen mit Kontrahenten oder dunklen Mächten befinden. Dies kann als logische Folge seiner Doppelbödigkeit gewertet werden.

Die dafür geeignete sprachliche Gestalt ist zwar die Novelle mit ihrer jeweils "unerhörten", einzigartigen Begebenheit, zumal mit ihr Außergewöhnliches in klarer, gedrängter Art beschrieben werden kann. Ob Hoffmanns Erzählung Das Fräulein von Scuderi jedoch als Novelle eingestuft werden kann, ist fraglich, zumal nicht nur ein "unerhörtes" Ereignis dominiert, sondern mehrere, die auf das Künstlertum und damit auf das kaum zu fassende Seelenleben gerichtet sind. Zwar steht die Aufklärung eines Verbrechens und damit das rein Kriminalistische rein äußerlich im Vordergrund, die Stärke des Werkes liegt jedoch in der Kennzeichnung einer Zeitepoche mit Hilfe herausragender Personen. Dabei stößt Hoffmann als Gestalter sozialer und psychologischer Verhaltensweisen in Bereiche vor, deren genaue Betrachtung erst Jahrzehnte später erfolgte.

Nicht ohne Grund dominiert Hoffmanns Scuderi im Lektürekanon des Deutschunterrichts und dient dessen unterschiedlichen Ansprüchen. Daher wurde als Textgrundlage die sehr häufig verwendete Reclamausgabe (RUB Nr. 25) herangezogen.

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