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Vorwort Die Wege, auf denen ich dazu gekommen bin, dieses Buch zu schreiben, waren vielfältig und verschlungen. Während meiner psychiatrischen und psychoanalytischen Ausbildung wurden wir aufgefordert, jeden Fall unter psychodynamischen Gesichtspunkten zusammenzufassen, d.h. anhand der Lebensgeschichte des Patienten zu erklären, wie er sich zu der Persönlichkeit entwickelt hatte, die wir nun im Sprechzimmer kennenlernten. Diese Geschichte sollte zu einem möglichst frühen Zeitpunkt seines Lebens beginnen und auch die präverbalen und präödipalen Einflüsse berücksichtigen, die im Säuglingsalter auf ihn einwirkten. Für mich war diese Aufgabe immer eine Quälerei, besonders was den Versuch anging, die frühe Kindheit in eine kohärente Lebensgeschichte einzubinden. Eine Quälerei deshalb, weil ich dabei in einen Widerspruch geriet. Einerseits war ich der festen Überzeugung, daß man die Einflüsse, die die Vergangenheit auf die Gegenwart ausübt, rekonstruieren kann. Dieses Axiom aller dynamischen Psychologien war einer der Gründe, weshalb ich die Psychiatrie für den faszinierendsten und vielseitigsten Bereich der Medizin hielt. Die Psychiatrie war die einzige klinische Disziplin, in der die Entwicklung wirklich eine Rolle spielte. Andererseits aber wußten meine Patienten ausgesprochen wenig über die Anfänge ihrer Lebensgeschichte, und noch weniger wußte ich, wie ich sie darüber befragen könnte. Ich war also gezwungen, mir aus den wenigen Angaben über ihre frühe Kindheit die Informationen herauszupicken, die mit den vorhandenen Theorien am besten übereinstimmten, und aus dem so Zusammengeklaubten eine kohärente Lebensgeschichte zu machen. Die Fallgeschichten klangen immer ähnlicher, obwohl die Personen überaus unterschiedlich waren. Diese Aufgabe glich einem Brettspiel mit sehr begrenzten Zugmöglichkeiten, oder, schlimmer noch: sie bekam einen Beigeschmack von intellektueller Unredlichkeit - und dennoch war sie Teil eines Unterfangens, das sich an der Wahrheit, so wie sie im Behandlungszimmer zutage trat, orientierte. In den Theorien kam den ersten Monaten und Jahren des Lebens ein unangefochtener und herausragender Stellenwert zu, in der Behandlung einer realen Person aber spielten sie nur eine spekulative und obskure Rolle. Dieser Widerspruch, den ich von Anfang an als störend empfand, weckte meine Neugierde. Ihn zu klären ist eine der Hauptaufgaben des vorliegenden Buches. Einen zweiten Weg betrat ich, als ich die aktuelle Forschung der Entwicklungspsychologie entdeckte. Hier bestand Aussicht, unser Wissen über die erste Zeit unseres Lebens mit Hilfe neuer Methoden und Werkzeuge zu erweitern. Und diese Werkzeuge habe ich mir während der folgenden fünfzehn Jahre in Verbindung mit der klinischen Methode zunutze gemacht. Das vorliegende Buch versucht, einen Dialog zwischen dem experimentell erforschten und dem klinisch rekonstruierten Säugling zu stiften, der uns der Auflösung des zwischen Theorie und Praxis bestehenden Widerspruchs näherbringt. Es gab noch einen dritten Weg - und dieser bestätigt die Ansicht, daß die Gegenwart am besten zu verstehen ist, wenn man die Vergangenheit kennt. Als ich etwa sieben Jahre alt war, habe ich einmal eine Erwachsene beobachtet, die mit einem ein- oder zweijährigen Kind fertigzuwerden versuchte. Mir schien damals vollkommen klar zu sein, was das Kind wollte, aber die Erwachsene verstand offenbar überhaupt nichts. Ich kam auf den Gedanken, daß ich in einem Übergangsalter war. Noch kannte ich die "Sprache" des Kindes, aber auch schon die der Erwachsenen. Ich war noch "zweisprachig" und fragte mich, ob ich diese Fähigkeit mit zunehmendem Alter zwangsläufig verlieren würde. Dieses frühe Erlebnis hatte seinerseits schon eine Vorgeschichte. Als Kleinkind verbrachte ich längere Zeit im Krankenhaus, und um zu begreifen, was dort vorging, wurde ich zum Beobachter, zum Entschlüsseler nonverbaler Zeichen. Das hat sich, als ich älter wurde, nie mehr verloren. Deshalb war es für mich sehr aufregend, als ich mitten in meiner psychiatrischen Ausbildung die Ethologen entdeckte. Sie hatten eine wissenschaftliche Methode zum Studium der unter natürlichen Bedingungen auftretenden, nonverbalen Sprache der frühen Kindheit anzubieten. Und diese Methode schien mir die notwendige Ergänzung zur Analyse verbaler Selbstzeugnisse zu liefern, die die dynamischen Psychologien beschreiben. Man muß "zweisprachig" sein, um die Auflösung des Widerspruchs überhaupt in Angriff nehmen zu können. Manche Leser werden einwenden, daß einer von derart persönlichen Faktoren geleiteten Forschung oder Theorie ohnehin nicht zu trauen sei. Andere werden sagen, daß sich bei klarem Verstand niemand auf das mühsame Forschungsunterfangen einlassen würde, es sei denn, er sähe sich aufgrund seiner eigenen Geschichte dazu veranlaßt. Dem würden die Entwicklungspsychologen vorbehaltlos zustimmen. Auf der letzten Wegstrecke der Vorbereitung dieses Buches haben mich Kollegen und Freunde begleitet, denen ich zu Dank verpflichtet bin. Sie alle haben das Manuskript oder einzelne Teile in verschiedenen Stadien gelesen und Vorschläge oder Einwände beigesteuert, die mich ermutigten und mir die Überarbeitung leichter machten. Sehr dankbar bin ich insbesondere Susan W. Baker, Lynn Hofer, Myron Hofer, Arnold Cooper, John Dore, Kristine MacKain, Joe Glick und Robert Michels. Drei Gruppen haben mir dabei geholfen, spezifische Aspekte dieses Buches herauszuarbeiten. Eine Zeitlang genoß ich das Privileg, an den regelmäßigen Zusammenkünften zwischen Margaret Mahler und ihren Kollegen Annamarie Weil, John McDevitt und Anni Bergman teilnehmen zu dürfen. Obwohl sie wahrscheinlich mit vielen Folgerungen, die ich hier gezogen habe, nicht einverstanden sein werden, waren unsere Diskussionen doch immer gewinnbringend, so daß sie mein theoretisches Verständnis vertieften. Der zweiten Gruppe, die Katherine Nelson zusammengestellt hatte, um die Babysprache eines bestimmten Kindes zu untersuchen, gehörten Jerome Bruner, John Dore, Carol Feldman und Rita Watson an. Die Diskussionen waren für meine Überlegungen in bezug auf die Wechselwirkungen zwischen den präverbalen und verbalen Erfahrungen eines Kindes von unschätzbarem Wert. Die dritte Gruppe wurde von Robert Emde und Arnold Sameroff im Center for Advanced Study in the Behavioral Sciences zusammengestellt, um die Psychopathologie der Entwicklung zu untersuchen. Diskussionen mit Alan Sroufe, Arnold Sameroff, Robert Emde, Tom Anders, Hawley Parmelee und Herb Leiderman förderten die Auseinandersetzung mit der Frage, auf welche Weise Probleme, die sich in einer Beziehung entwickeln, verinnerlicht werden. Danken möchte ich auch den vielen Menschen, die während dieser Zeit an unserem Laboratory of Development Processes gearbeitet haben. Ihre Beiträge und Anregungen sind aus diesem Buch nicht wegzudenken: Michelle Allen, Susan Baer, Cecilia Baetge, Roanne Barnett, Susan Evans, Victor Fornari, Emily Frosch, Wendy Haft, Lynn Hofer, Paulene Hopper, Anne Goldfield, Carol Kaminski, Terrel Kaplan, Kristine MacKain, Susan Lehman, Babette Moeller, Pat Nachman, Carmita Parras, Cathy Raduns, Anne Reach, Michelle Richards, Katherine Shear, Susan Spieker, Paul Trad, Louise Weir und Yvette Yatchmink. Mein Dank gilt auch den Forschern außerhalb unseres Laboratoriums, mit denen ich zusammenarbeiten konnte, nämlich John Dore bei CUNY und Bertrand Cramer in Genf. Besonders verpflichtet bin ich Cecilia Baetge für ihre Aufbereitung dieses Manuskripts in allen Phasen und für das administrative Geschick, mit dem sie mir das Schreiben an diesem Buch und die gleichzeitige Erledigung aller übrigen beruflichen Pflichten ermöglicht hat. Jo Ann Miller von Basic Books war eine wunderbare Lektorin, die ihre Anregungen, Einwände und Ideen mit großer Sensibilität vortrug und mich, immer zum richtigen Zeitpunkt, geduldig oder auch ungeduldig an Abgabetermine erinnerte. Unentbehrlich waren auch Nina Gunzenhausers Sachverstand und redaktionelles Gespür. Ein großer Teil der mit diesem Buch verknüpften Forschungen wurde unterstützt von der Herman und Amelia Ehrmann Foundation, der William T. Grant Foundation, dem Fund for Psychoanalytic Research, der National Foundation of the March of Dimes, dem National Institute of Mental Health und den Warner Communications, Inc. Schließlich danke ich allen Eltern und Kindern - meinen wichtigsten Mitarbeitern -, von denen wir lernen durften. |
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