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Vorwort


Die Versorgung alter und hochaltriger Menschen mit einer demenziellen Erkrankung stellt eine zunehmende Anforderung an die Sorgesysteme in unserer Gesellschaft dar. Zu Beginn des 21. Jh. sind ca. 1,2 Millionen Menschen an einer Demenz erkrankt. Mit steigendem Alter erhöht sich die Wahrscheinlichkeit von dieser Krankheit betroffen zu werden. So weist etwa jede fünfte Person über 80 Jahre und annähernd jede dritte über 90-Jährige eine demenzielle Erkrankung auf. In erster Linie wirken sich die Folgen der Demenzerkrankungen auf die Angehörigen der Betroffenen aus. Da mit ca. 60-65 % aller Demenzerkrankungen der Anteil der in häuslicher Umgebung Versorgten höher ausfällt als in anderen Versorgungsformen, muss von einer hohen Belastung grundlegender Gemeinschaftsstrukturen wie der Familie ausgegangen werden. Insbesondere Verhaltens- und Persönlichkeitsveränderungen der Erkrankten wirken sich auf das Zusammenleben innerhalb der Familie aus. Aber auch kognitiv bedingte Beeinträchtigungen der Gedächtnisleistungen, des Orientierungs- und Urteilsvermögens, der Sprache oder auch des praktischen Handhabens von Objekten beeinflussen das Alltagsleben. Die Alltagsbewältigung gestaltet sich zunehmend schwieriger, so dass letztlich in vielen Fällen ein Leben des Pflegebedürftigen innerhalb der Familie oder auch die selbstständige Haushaltsführung in der eigenen Wohnung nicht mehr möglich ist. Als Wohnalternative stand bisher die stationäre Versorgung in einem Altenpflegeheim zur Verfügung. Hieraus erwuchsen jedoch neue Probleme.

Die stationären Einrichtungen traf die wachsende Anzahl demenziell erkrankter Menschen zwar nicht überraschend, aber dennoch unvorbereitet. Der Anteil der Bewohnerinnen und Bewohner1 mit einer Demenz hat in den Altenpflegeheimen und in den Altenheimen seit einigen Jahren immer mehr zugenommen und liegt in den Altenpflegeheimen im Bundesdurchschnitt bereits bei ca. 65 % der Bewohner, in einzelnen Heimen beträgt ihr Anteil mehr als 90 %. Bei Neuaufnahmen weisen bereits drei von vier Personen demenzielle Erkrankungen in mittelschwerem bis schwerem Ausmaß auf. Die Veränderungen der Bewohner, welche durch die Demenz auftreten, machen sich zum Teil in aggressivem Verhalten, Unruhe oder Verwirrtheitszuständen bemerkbar. Das Zusammenleben der Erkrankten mit geistig rüstigen Bewohnern gestaltet sich in der Folge spannungsvoll bis störend.

Für die Zukunft ist nicht mit einer Entspannung der Versorgungslage für die Demenzkranken zu rechnen. Mit der Zunahme alter und hochaltriger Menschen in der Bevölkerung, bedingt durch eine steigende Lebenserwartung, steigt auch die Anzahl der Personen, die an einer Demenz erkranken, da Alter und Demenzerkrankung miteinander korrelieren.

Die Aufgabe der Versorgung liegt darin, für die Betroffenen ein geeignetes Wohn- und Lebensumfeld zu schaffen, das sich dem Krankheitsverlauf anpasst und den Erkrankten mit geeigneten Maßnahmen bei der Bewältigung seiner Alltagsverrichtungen unterstützt. In der Literatur wird von verschiedenen Einzelmaßnahmen berichtet, die nicht nur einen würdevollen Umgang mit den Erkrankten, sondern auch positive Effekte auf den Krankheitsverlauf beschreiben (DEUTSCHE ALZHEIMER GESELLSCHAFT 2000; 2002; 2004).


Merke: Die Qualität einer den Bewohnern angemessenen Betreuung und Pflege hängt von mehreren Parametern ab. Zu diesen zählen vorrangig personelle und konzeptionelle Faktoren, organisatorische und strukturelle Faktoren und ein soziales Milieu, sowie eine geeignete baulich-räumliche Umgebung. In ihrer Gesamtheit bilden sie das Milieu zur Versorgung Demenzkranker.


Die Berücksichtigung aller Faktoren soll dazu beitragen, nicht allein Symptome einer organischen Störung, sondern auch nichtkognitive Störungen zu „behandeln". Sozialtherapeutische Interventionen versuchen durch bewussten Einsatz zwischenmenschlicher Beziehungen und der Umgebung eines demenziell Erkrankten gezielt auf das Verhalten Einfluss zu nehmen. Dabei trägt die soziale und räumliche Umgebung als Ganzes zum Erhalt der Identität des Erkrankten bei.

In dieser Orientierung bewegen sich die Wohngruppen demenziell Erkrankter, die auch unter Begriffen wie „milieutherapeutische Wohngruppe", Wohngemeinschaft oder Hausgemeinschaft für demenziell erkrankte Menschen verbreitet sind. Sie wollen den demenziell erkrankten Bewohner in seiner Alltagsbewältigung mittels Anpassung der Wohnumgebung und des Milieus in seinen Bedürfnissen unterstützen. Wohngruppen werden in Größen zwischen 6 und 15 Personen2 gebildet, die sozial und räumlich eine eigenständige Einheit und somit den Bezugsrahmen für die Bewohner bilden.

Die Milieutherapie knüpft an Gewohntes, an Vertrautes und Erfahrungen an. Sie basiert daher auf biografisch Bekanntem. Das Milieu bietet klare Strukturen, ist überschaubar, stimuliert ohne zu überfordern und es strukturiert den alltäglichen Ablauf, um Orientierungsfähigkeiten und Zeitgefühl zu sichern. Es ist dennoch individuell ausgerichtet, weil die pflegenden und betreuenden Bezugspersonen die zu pflegende Person in ihrem Krankheitszustand respektieren und sich einfühlsam im Umgang mit ihr verhalten.

Wohngruppenprojekte für Demenzkranke richten sich nicht nur an die Bewohner. Sie sprechen ebenso das Personal an und führen zu einer den Demenzkranken fördernden Betreuung hin. Als milieuorientiertes Versorgungskonzept schließt dies auch die organisatorische und bauliche Umgebung mit ein.




1

Im weiteren benutzen wir für die männliche wie die weibliche Form aufgrund der Lesbarkeit auch den Begriff Bewohner, Mitarbeiter etc.

2

In den hier vorgestellten Ergebnissen zum Wohnen Demenzkranker in Wohngruppen sind keine bestimmten Wohngrößen als besonders effektiv ermittelt worden. Die Größe einer Wohngruppe bemisst sich nach örtlichen Gegebenheiten, Demenzschweregrad und verfügbaren materiellen und immateriellen Ressourcen.